VCÖ-Factsheet 2018-10 - Großes Potenzial für Sharing und neue Mobilitätsservices

Die Digitalisierung treibt den grundlegenden Wandel in der Mobilität an. Individuelle Mobilität wird vom Fahrzeugbesitz unabhängig. Noch liegt das Potenzial für Sharing-Angebote in Österreich bei einem Vielfachen der aktuellen Nutzung.

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Die Digitalisierung eröffnet für Carsharing und Fahrrad-Sharing neue Möglichkeiten. Individuelle Mobilität entkoppelt sich vom Fahrzeug-Besitz. Das Teilen von Fahrzeugen und die Nutzung von Mobilitätsdienstleistungen ermöglicht flexible Mobilität, ohne vom Besitz eines eigenen Fahrzeugs abhängig zu sein. Die zwei großen zukünftigen Veränderungen im Verkehrsbereich – E-Mobilität und Automatisierung – können nur dann zur Verringerung der Verkehrsprobleme und zur Verbesserung der Klimabilanz beitragen, wenn sie mit Sharing einhergehen. Das Potenzial für Carsharing, Fahrrad-Sharing und neue Mobilitätsangebote ist in Österreich groß.

Sharing für klimaverträgliche Mobilität

Sharing wird auch durch Mobilitätspakete, die abonniert werden können, in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen. Durch Carsharing verändert sich das Mobilitätsverhalten, die Umweltbilanz wird besser. Eine höhere Auslastung der Fahrzeuge durch geteilte Nutzung ermöglicht im Vergleich zum exklusiven Gebrauch potenziell eine effizientere Ressourcenverwendung. Bei richtigem Einsatz und Vermeidung von Rebound Effekten hat Sharing durch effizientere Ressourcen-Nutzung und die Veränderung des Mobilitätsverhaltens das Potenzial, die Personenmobilität auf Klimakurs zu bringen.

Sharing-Angebote und Mobilitätsdienstleistungen sind heute viel einfacher und einem größeren Personenkreis zugänglich als noch vor einigen Jahren. Mittlerweile nutzen mehr als 100.000 Haushalte in Österreich Carsharing. Das Potenzial ist aber um ein Vielfaches größer. Rund 572.000 Autofahrerinnen und Autofahrer lenken nur ein paar Mal im Jahr ein Auto, weitere rund 690.000 nur ein paar Mal im Monat. Gleichzeitig gibt es in Österreichs Haushalten mehr als 1,3 Millionen Zweit- und Drittautos, die im Schnitt nicht einmal eine halbe Stunde am Tag im Einsatz sind.

Nur höchstens zehn Prozent aller Pkw in Österreichs Haushalten sind gleichzeitig auf den Straßen unterwegs. Für Lissabon ergab eine Simulation, dass drei Prozent des Pkw-Bestands ausreichten, wenn alle Autofahrten auf Car- und Ride-Sharing verlagert würden. Die benötigte Parkfläche reduzierte sich dann um 95 Prozent, die Verkehrsemissionen um ein Drittel, die Straßen wären staufrei.

Öffentlicher Verkehr profitiert von Sharing

Nach dem Umstieg vom eigenen Auto zu Carsharing verteilen sich bisherige Fahrten mit dem eigenen Auto neben Carsharing auch auf den Öffentlichen Verkehr, Radfahren und Gehen. Im Schnitt fahren in Deutschland Carsharing-Nutzende um 40 Prozent seltener mit dem Auto, um 19 Prozent häufiger mit öffentlichen Verkehrsmitteln und um 14 Prozent häufiger mit dem Fahrrad.

Vor allem wer stationsbasiertes Carsharing nutzt, meldet das eigene Auto ab. In Deutschland ergab eine Befragung, dass 53 Prozent der Mitglieder von stationsbasiertem Carsharing vor Beitritt zum Carsharing ihr eigenes Auto abmeldeten und weitere neun Prozent nach dem Beitritt.

Carsharing verändert das Mobilitätsverhalten

Das größte Potenzial für mehr Klimaverträglichkeit hat Carsharing im koordinierten Ausbau mit dem Öffentlichen Verkehr. Durch die Sichtbarkeit der Kosten einer Carsharing-Fahrt werden Spontantrips vermieden und die Autonutzung reduziert, am stärksten im innerstädtischen Bereich. Carsharing verringert auch gefahrene Pkw-Kilometer. Eine Studie für Wien geht von 300 bis 850 Pkw-Kilometer weniger pro Jahr und Haushalt aus. In München beträgt die Reduktion rund fünf Prozent, in Bremen und den Niederlanden 15 bis 20 Prozent.

Fahrrad-Sharingsysteme stärker forcieren

Auch Leihradsysteme verändern das Mobilitätsverhalten. In Hamburg ersetzen zwölf Prozent der Bikesharing-Fahrten ehemalige Autofahrten, in Paris sogar 20 Prozent. Citybike Wien zeigt, dass die Fahrräder großteils für kurze Fahrten unter 30 Minuten verwendet werden. Bikesharing stellt auch eine Ergänzung zum Öffentlichen Verkehr dar. Es werden vor allem Strecken gefahren, bei denen die Fahrzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln mehr als doppelt so lange dauern würde.

In Österreich gibt es bereits in rund 150 Städten und Gemeinden ein Leihradsystem mit insgesamt mehr als 550 Verleihstationen und rund 3.000 Fahrrädern. Mittlerweile gibt es neben Leihsystemen für herkömmliche Fahrräder auch den Verleih von Elektro-Fahrrädern sowie die Möglichkeit Transportfahrräder auszuleihen, wie etwa in Graz, Wien und Wiener Neustadt. In Deutschland können in Köln 50 E-Transportfahrräder namens „Donk-EE“ an 50 Standorten, etwa einer Fahrrad-Werkstatt oder einem Buchladen, entliehen werden.

E-Mobilität durch Sharing verbreiten

Carsharing-Flotten bieten eine gute Möglichkeit, den Anteil an E-Pkw zu erhöhen. So betreibt der Anbieter car2go rund 1.400 E-Pkw in Europa. In Deutschland liegt der Anteil der E-Fahrzeuge in Carsharing-Flotten bei mehr als zehn Prozent. In Österreich setzen neben dem teilweisen Einsatz von E-Fahrzeugen in den Flotten von „tim“ in Graz und „Rail & Drive“, vor allem viele kleinere Carsharing- Initiativen in Gemeinden und Regionen auf EAutos. So gibt es allein in Niederösterreich in mehr als 70 Gemeinden E-Carsharing.

An einem durchschnittlichen Werktag werden in Österreich nie mehr als ein Zehntel der Pkw zur gleichen Zeit genutzt. Das Potenzial für das Teilen von Fahrzeugen und Fahrten ist groß.
Mehr als die Hälfte der Personen, die stationsbasierte Carsharing- Systeme in Deutschland nutzen, meldeten Privatautos ab.
Bei Carsharing nimmt die Nutzung von Privat-Pkw oder Taxi ab. Vor allem stationsbasiertes Carsharing geht einher mit häufigerer Nutzung des Öffentlichen Verkehrs sowie mehr Gehen und Radfahren.
Wird aufgrund einer Carsharing-Mitgliedschaft der eigene Pkw abgemeldet, werden in Bremen drei Viertel der bisherigen Wege auf den Öffentlichen Verkehr, Radfahren und Gehen verlagert.

Sharing für die Regionen sehr gut geeignet

Sharing ist kein städtisches Phänomen, sondern auch für Regionen sehr gut geeignet. Im steirischen Vulkanland kooperieren mehrere Gemeinden und Betriebe und nutzen gemeinsam E-Fahrzeuge. Auch Wohnhausanlagen sind gut für Sharing-Fahrzeuge geeignet. Ist eine entsprechende Auslastung erreicht, amortisieren sich die höheren Anschaffungskosten eines E-Autos umso schneller, je mehr Kilometer damit zurückgelegt werden.

Um Lücken in Mobilitätsketten zu schließen, brauchen vor allem ländliche Regionen mehr flexible Mobilitätsangebote wie Anrufsammeltaxis und Gemeindebusse. Diese nachfragebasierten Angebote sind in das Angebot des Verkehrsverbundes zu integrieren, wie das beispielsweise beim IST-mobil im Bezirk Korneuburg der Fall ist oder bei den Anrufsammeltaxis Defreggental und Pustertal im Verkehrsverbund Tirol. Wichtig ist, dass Mikro-ÖV-Systeme nicht nur beim Start gefördert, sondern langfristig finanziert werden. Auch die rechtliche Situation für gemeinwohlorientierte Gemeindebusse ist in Österreich zu verbessern, etwa durch Anpassungen im Gelegenheitsverkehrsgesetz.

Zukunft bringt „Mobility as a Service“

Beim Teilen von Fahrten, dem Ride Sharing, gibt es neben Mitfahr-Plattformen, vorwiegend für geplante und längere Strecken, eine zunehmende Verbreitung von Konzepten des Demand Responsive Transport und neue Formen von Sammeltaxis. In Berlin betreibt das Unternehmen door2door Taxi- Shuttles, die an Wochenenden Fahrgäste mit ähnlichen Wegzielen gemeinsam befördern.

Beim Konzept „Mobility as a Service“ ist es das Ziel, möglichst alle verfügbaren Ressourcen zu einem auf den individuellen Bedarf abgestimmten Mobilitätsangebot zu bündeln, ohne ein eigenes Auto besitzen zu müssen. In Stockholm inkludiert das Angebot „UbiGo“ die unbegrenzte Nutzung des Öffentlichen Verkehrs sowie Pakete für Carsharing, Mietautos, Taxi und Bike-Sharing. Bestellung und Abrechnung erfolgen via Smartphone-App. In der Testphase in Göteborg halbierte sich die Autonutzung der Teilnehmenden. Ein ähnliches Angebot mit Mobilitätsabos betreibt „Whim“ im Großraum Helsinki.

Ära des Privatautos geht zu Ende

Im digitalen Zeitalter bedeutet individuelle Mobilität, aus einer Vielzahl verschiedener Möglichkeiten flexibel wählen zu können, ohne vom Besitz eines Autos abhängig zu sein. Möglich wird dies neben der Digitalisierung durch neue Kooperationen zwischen öffentlichen und privaten Mobilitätsangeboten. Beispiele sind die Apps WienMobil und wegfinder oder das multimodale Angebot tim in Graz. Um das Potenzial von Sharing in Österreich nutzen zu können, braucht es verbesserte Rahmenbedingungen. So gibt es in Deutschland bereits ein Carsharing-Gesetz, das es beispielsweise Gemeinden erleichtert, öffentliche Parkplätze für Sharing-Fahrzeuge zu reservieren. Für neue Mobilitätsdienste braucht es Rechtssicherheit für den Betrieb bei gleichzeitiger Vermeidung von Risiken etwa für die Nutzenden und Beschäftigten.

Multimodale Mobilitätsstationen einrichten

An Mobilitätsstationen werden unterschiedliche Mobilitätsangebote wie Carsharing und Bikesharing, Ladestationen für E-Fahrzeuge, Informationsangebote sowie Schnittstellen zum Öffentlichen Verkehr räumlich und digital verbunden. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Sharing-Angebote ist die optimale Verknüpfung mit dem Öffentlichen Verkehr. Deshalb sind etwa Bahnhöfe verstärkt zu multimodalen Mobilitätsstationen weiter zu entwickeln, die optimal an den örtlichen Öffentlichen Verkehr angebunden und gut zu Fuß und mit dem Fahrrad erreichbar sind sowie Carsharing und Bike-Sharing anbieten. Auch bei Wohnhausanlagen oder an häufig frequentierten Gewerbestandorten sind Mobilitätsstationen sinnvoll. In Österreich gibt es in Wien und Graz dafür bereits Beispiele, in Deutschland sind Bremen und Hamburg Vorreiter.


VCÖ-Empfehlungen

Rahmenbedingungen für Sharing und Mobilitätsdienste verbessern

  • Rechtliche Verbesserungen für Carsharing ähnlich dem Carsharing-Gesetz in Deutschland auf Bundesebene beschließen, Rechtsrahmen schaffen, um Rechtssicherheit für neue Angebote sowie die Einhaltung von Sozial- und Sicherheitsregelungen zu gewährleisten
  • Öffentlichen Verkehr und Sharing-Angebote koordiniert ausbauen, bei Wohnsiedlungen, Betrieben und Bahnhöfen E-Carsharing und Mobilitätsstationen umsetzen
  • Mit multimodalen Mobilitätsdienstleistungen die Zugänglichkeit der vorhandenen Angebote erhöhen und zu individuellen Paketen bündeln

Öffentlich zugängliche Mobilitätsangebote vernetzen

  • Sharing-Angebote mit dem Öffentlichen Verkehr zu einem Gesamtsystem öffentlich zugänglicher Mobilitätsangebote vernetzen, Anreize setzen, wenig genutzte Pkw wie Zweit- und Drittautos durch Carsharing zu ersetzen.
  • Radleihsysteme in allen größeren Städten einrichten, bestehende ausbauen und um Transport-Fahrräder ergänzen. In den Regionen an Bahnhöfen und an für Pendelnde und Urlaubsgäste wichtigen Zielen Leihradsysteme anbieten
  • Öffentlichen Linienverkehr mit Sharing, Sammeltaxi oder Ortsbus ergänzen. Mikro-ÖV langfristig finanzieren und in den Verkehrsverbund integrieren
  • Erreichbarkeit von Park-and-Drive-Anlagen mit Öffentlichem Verkehr, Mikro-ÖV und Radfahren verbessern

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Markus Gansterer,
VCÖ-Verkehrspolitik:

„Im digitalen Zeitalter bedeutet Freiheit der Mobilität vor allem aus einer Vielzahl von Möglichkeiten und Kombinationen flexibel wählen zu können. Die individuelle Mobilität entkoppelt sich vom Fahrzeugbesitz.“


Die VCÖ-Publikation "Sharing und neue Mobilitätsangebote" im Wert von 30 Euro können Sie hier kostenlos downloaden. Die Printversion und weitere VCÖ-Publikationen (kostenlos als PDF und kostenpflichtig in Print) finden Sie im Online-Shop des VCÖ.

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