VCÖ-Factsheet 2016-11 - Verkehrssystem sanieren für die Zukunft

Der gesellschaftliche Wandel und die Erreichung der Energie- und Klimaschutzziele erfordern Veränderungen in Verkehrspolitik und Verkehrsplanung. Eine Sanierung des Verkehrssystems, die menschlichem Maß und Umwelt Vorrang einräumen, ist zu starten.

VCÖ-Factsheet 2016-11 als PDF (2,7MB)

Die vierte industrielle Revolution bringt eine Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung aller Lebensbereiche. In der zu erwartenden Verkehrszukunft wird Urbanisierung fortgeschritten und Elektrifizierung weitgehend Standard sein. Sharing im Verkehr wird die Regel und ein eigenes Fahrzeug zu besitzen die Ausnahme sein. Überkommenes ist neu auszurichten. Probleme und Lösungsvorschläge im Verkehrsbereich sind so vielfältig, wie es Betroffene gibt. Aus der zu erwartenden Zukunft heraus betrachtet wird klar, was derzeit falsch läuft und welche Änderungen im Verkehrsbereich nötig sind.

Eine ausgewogene Flächenaufteilung schafft Qualität für alle am Verkehr teilnehmenden Menschen

Verkehrssystem rasch zukunftsfähig machen

Ähnlich wie bei Gebäuden sind auch Infrastrukturen und Rahmenbedingungen des Verkehrs regelmäßig zu erneuern und an neue Standards und veränderte Bedürfnisse anzupassen. Sie sind anhand der Zielsetzungen für eine zukunftsfähige Mobilität grundlegend zu sanieren. Die Mobilität der Menschen ist bereits im Wandel. Es wird höchste Zeit, bei der gängigen Verkehrspraxis neue Maßstäbe anzulegen anstatt Infrastrukturen zu bauen, die Überholtes jahrzehntelang zementieren. Auch etliche verkehrsrelevante Gesetze stehen der zu erwartenden Verkehrszukunft im Weg.

Aus der zu erwartenden und gewünschten Zukunft heraus betrachtet ist das Verkehrssystem ein Sanierungsfall.
Damit Österreich die beschlossenen Klimaschutzziele erreichen kann, sind viel weitergehende Maßnahmen erforderlich als aktuell vorgesehen. Derzeit werden noch 79 Prozent des in Österreich verbrauchten Erdöls im Verkehr verbrannt.

Verkehrsaufwand in Österreich stark gestiegen

Die Anzahl der täglich zurückgelegten Wege sowie die dafür verwendete Zeit haben sich seit Jahrzehnten kaum verändert. Allerdings vergrößerte sich der Verkehrsaufwand, also die notwendigen Kilometer und der Einsatz von Ressourcen, um Alltagsziele zu erreichen. Während beispielsweise in Niederösterreich im Jahr 1995 die durchschnittliche Weglänge von Männern 15,4 und von Frauen 8,5 Kilometer betrug, legten sie im Jahr 2008 bereits 17,5 beziehungsweise 12,1 Kilometer pro Weg zurück. Zersiedlung sowie die Ansiedlungen von Arbeitsplätzen und Einkaufszentren am Ortsrand, mit großen Parkplätzen aber schlechter Erreichbarkeit zu Fuß, mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln, tragen wesentlich zur hohen Autonutzung bei. Individuellen und betriebswirtschaftlichen Vorteilen stehen Folgekosten an anderen Stellen, Schadstoffbelastung, Verkehrslärm, Bodenversiegelung oder Bewegungseinschränkungen gegenüber. Zudem sind viele Autofahrten in Österreich kurz, fast jede zweite ist kürzer als fünf Kilometer.

Verkehr verursacht Schäden und hohe Kosten

Im Jahr 2015 starben in Österreich noch 479 Menschen bei Verkehrsunfällen, davon 128 im Ortsgebiet. Pro Jahr ereignen sich mehr als 1.000 Verkehrsunfälle mit Gehenden auf Schutzwegen. Im Jahr 2015 standen in Österreich den Einnahmen von 8,9 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben aus dem Straßenverkehr insgesamt rund 15,6 Milliarden Euro öffentliche Infrastrukturausgaben sowie Unfall-, Gesundheits- und Klimafolgekosten gegenüber. Im Schnitt gibt ein Haushalt 5.100 Euro pro Jahr für Mobilität aus. In das Auto fließt mehr Geld als für Ernährung ausgegeben wird.

Die enorme Abhängigkeit vom Erdöl, die hohe Zahl von Unfallopfern und die mangelnde Kostenwahrheit sind neben den zu hohen CO2- und Schadstoff-Emissionen und dem Platzverbrauch des Verkehrs große Defizite des heutigen Verkehrssystems.

 

Mobilitätsverhalten verändert sich bereits

Seit rund zehn Jahren nimmt die Zahl der in den Städten zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Öffentlichen Verkehr zurückgelegten Wege zu. Statt immer das gleiche Verkehrsmittel zu nehmen, wählen zunehmend mehr Menschen je nach Zweck das jeweils am besten geeignete Verkehrsmittel. Das Mobilitätsverhalten wird multimodaler. Im Jahr 2015 ist erstmals der Pkw-Motorisierungsgrad in allen Landeshauptstädten Österreichs gesunken.

Digitalisierung beschleunigt Mobilitätswandel

Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Sharing-Fahrzeugen lassen sich mit Smartphones und Apps einfach und individualisiert planen. Die Verkehrspolitik ist gefordert, schneller auf neue technologische Möglichkeiten und das sich ändernde Mobilitätsverhalten zu reagieren. Die dominanten autoorientierten Strukturen sind in ein klimaverträgliches multimodales Verkehrssystem zu transformieren.

Prinzipien für Verkehrssystem der Zukunft

Mobilität ist Teil eines Gesamtsystems mit ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten und Zielen. Verkehrsentwicklungen sind gestaltbar und können bei gleichzeitiger hoher Mobilität zielorientiert beeinflusst werden. Ein Verkehrsprojekt oder eine Maßnahme dürfen nicht im Widerspruch zu übergeordneten Zielen stehen. Solche ökologische, gesundheitspolitische oder soziale Ziele bedeuten, dass beispielsweise Straßenbauten nicht mit steigender Verkehrsmenge gerechtfertigt werden können, sondern die Verkehrsinfrastruktur so auszugestalten ist, dass Mobilitätsbedürfnisse mit einer verträglichen Verkehrsmenge befriedigt werden.

Die Mobilität wird zunehmend multimodaler. Das Verkehrssystem ist darauf auszurichten, Bahnhöfe sind zu multimodalen Verkehrsknotenpunkten auszubauen.

Effizienz – Konsistenz – Suffizienz – Resilienz

Effizienz ist ein notwendiges Prinzip, aber für nachhaltige Mobilität nicht ausreichend, da trotz hoher Effizienz der absolute Verkehrs- und Energieaufwand weiter steigen kann. Den gleichen Stellenwert braucht es für Konsistenz (Natur und Technik) und Suffizienz („das richtige Maß“). Resilienz beschreibt die Toleranz und Anpassungsfähigkeit eines Systems bei sich ändernden Bedingungen. Resilienz ist gerade für das Verkehrssystem mit seinen verwundbaren Infrastrukturen und der großen Abhängigkeit von fossilen Energieträgern eine wichtige Eigenschaft.

Straßen multimodal sanieren statt ausbauen

Geänderte Anforderungen in Richtung umweltverträglicher Mobilität verlangen eine neue Straßengestaltung, die spätestens bei notwendigen Instandhaltungen umzusetzen ist. Gute Bedingungen zum Gehen als Grundform der Mobilität sollten im unmittelbaren Lebensraum Priorität haben. Voraussetzungen dafür sind niedrige Geschwindigkeiten und das Prinzip des Miteinanders im Verkehr. Großes Potenzial für eine faire Platzverteilung zugunsten des Gehens bieten verkehrsberuhigte Bereiche mit Tempo 30 im Mischprinzip und Begegnungszonen.

Mensch statt Maschine als Maßstab

Wird nicht die Anzahl der Fahrzeuge pro Zeiteinheit als Maß genommen, sondern die Zahl der beförderten Personen, werden effiziente und platzsparende Mobilitätsformen automatisch höher gewichtet. Gehen, Radfahren und Öffentlicher Verkehr erhalten dadurch Vorrang. In Städten, Gemeinden und Siedlungen sind Autos, abgesehen von wenigen Hauptverkehrsverbindungen, nur zu Gast. Bei der bisher üblichen Planung wurde der Platz für Fahr- und Parkstreifen von den aktuellen Kfz-Verkehrszahlen abgeleitet, nur die Restbreite blieb für Gehen und Radfahren übrig. Heute empfehlen die Planungsrichtlinien eine umgekehrte Vorgangsweise: Straßenraumgestaltung vom Rand aus. Zunächst werden die Anforderungen für Gehbereiche, Aufenthalt und Grünflächen festgelegt. Anschließend wird der Platzbedarf für den Radverkehr definiert. Es bleibt eine mögliche Fahrbahnbreite für den Kfz-Verkehr und es wird ein verkehrstechnischer Kompromiss entsprechend der Priorität für Gehen getroffen. In der Realität geht die Umsetzung dieser Richtlinie nur langsam voran.

Während der Anteil des Öffentlichen Verkehrs bei Verbesserungen deutlich steigt, findet nach der Eröffnung neuer Straßen eine Verlagerung zum Kfz- Verkehr statt, wie das Beispiel des Korridors Gänserndorf–Wien zeigt.

Gerechte Platzverteilung im Straßenraum

Mehr Straßenraum dem Gehen zurückgeben verbessert
die Situation für Gehende und erhöht auch insgesamt die Qualität der Ortskerne. In vielen Städten
und Gemeinden laufen Planungsprozesse zur Umgestaltung von Ortsdurchfahrten und Attraktivierung
des Ortszentrums. Im Vorarlberger Wolfurt wurden unter anderem vier Begegnungszonen umgesetzt –
eine davon als erste in Österreich auf einer stark befahrenen Landesstraße (10.000 Kfz pro Tag). Im
Jahr 2016 gibt es in Österreich in 53 Gemeinden und Städten 68 Begegnungszonen.
Seit der Umwandlung des Grazer Sonnenfelsplatzes im Jahr 2011 hat sich dort die Zahl der
Unfälle mit Verletzten halbiert. Auch in Feldkirchen, Voitsberg und Velden wurden mit den Begegnungszonen
weniger Verkehrsunfälle verzeichnet.

Straßenverkehr umfassend modernisieren

Die heutige Verkehrsorganisation orientiert sich noch immer am Autoverkehr. Das Mobilitätsverhalten ist ein Resultat der zugrundeliegenden Strukturen. In der Straßenverkehrsordnung gelten für Radfahren und Gehen trotz anderer Voraussetzungen die gleichen Verkehrsregeln (Stopptafel, Rechtsabbiegen bei rot, Einbahn) wie für Kraftfahrzeuge. Die Grundsätze der Leichtigkeit und Flüssigkeit des Kfz-Verkehrs sollen nicht übergeordneten Zielen wie Sicherheit oder Gesundheit widersprechen. In städtischen Bereichen finden sich auch Relikte von autobahnähnlichen Strukturen, etwa Straßen mit drei oder mehr Fahrstreifen je Fahrtrichtung und überdimensionierte Verkehrsknotenpunkte. „Diäten“ für Straßen im innerstädtischen Bereich sind verkehrspolitisch herausfordernd, da sie die Kapazität für den Autoverkehr einschränken, aber sinnvoll. Eine auf das Gehen optimierte Redimensionierung ist in Richtlinien und Praxis notwendig. Straßenrückbauten sollten förderwürdig sein.

Im Siedlungsgebiet ist das Auto nur zu Gast

Wohnsiedlungen, die in den 1960er- bis 1980er- Jahren nach damaligem Leitbild autogerecht gebaut wurden, weisen überdimensionierte Straßenräume, dominante Pkw-Abstellplätze sowie mangelnde Radinfrastruktur und wenig Aufenthaltsqualität auf. Die anstehende demografische Veränderung derartiger Gebiete bietet ein Zeitfenster für die Stadt- und Verkehrsplanung. Werden durch Mobilitätsangebote wie Carsharing und Radverleihsysteme Parkplätze eingespart, wird Raum frei für die Umwidmung von reinen Wohngebieten zu Mischgebieten mit Flächen für Einzelhandel und Gewerbe. Eine gehund radfahrfreundliche Straßengestaltung erhöht die Aufenthaltsqualität. Das Konzept der selektiven Durchlässigkeit durch Bündelung des Durchzugsverkehrs bei gleichzeitig lokaler Erreichbarkeit verbessert die Lebensqualität in Wohngebieten.

VCÖ-Empfehlungen

Verkehrssystem umfassend sanieren

  • Angebote und Rahmenbedingungen an sich verändernde gesellschaftliche Bedürfnisse
    und an der notwendigen Ökologisierung
    des Verkehrssystems ausrichten.

  • Sachliche Entscheidungs- und Planungsprozesse ausgerichtet an übergeordneten
    ökologischen, sozialen und ökonomischer Zielen führen zu nachhaltiger
    Mobilität.

  • Zur Erreichung der Klimaziele ein umfassendes Maßnahmenpaket im Verkehr
    erarbeiten. Bessere Abstimmung von Siedlungsentwicklung und Verkehr.

Prioritäten für nachhaltige Mobilität setzen

  • Den Menschen als Maßstab im Verkehrssystem festlegen, Barrieren für das Gehen entfernen.

  • Sicherheit und Gesundheit höher bewerten als Leichtigkeit und Flüssigkeit des Verkehrs.

  • Straßenraumgestaltung vom Rand aus beginnen und den Gehenden höchste Priorität geben.
    Verkehrsberuhigte Bereiche und Begegnungszonen, attraktive Geh- und Aufenthaltsbereiche.

Rahmenbedingungen im Verkehr grundlegend reformieren

  • Neuausrichtung der Straßenverkehrsordnung mit Fokus auf sichere, umweltverträgliche Mobilität. Die Prinzipien von Shared-Space für das Ortsgebiet zum rechtlichen Grundsatz machen.

  • Bei Straßenerhaltung Verbesserungen für bewegungsaktive Mobilität systematisch mitplanen.

  • Durch Parkraumbewirtschaftung gewonnene Flächen für Gehen und Radfahren reservieren.

  • Mobilität bei Gebäuden und Siedlungen mitplanen: Mobilitätsangebote wie Radinfrastruktur und Carsharing schon bei der Planung von Wohnprojekten, Geschäften und Bürogebäuden berücksichtigen.


>>„Damit das Verkehrssystem heute und in Zukunft sicher, kostengünstig und erdölfrei wird, braucht es nicht nur kleine Anpassungen, sondern eine grundlegende Änderung der Infrastrukturen, Prinzipien und Prioritäten.“<<

 Mag. Markus Gansterer, VCÖ-Verkehrspolitik

VCÖ-Factsheet 2016-11 als PDF (2673KB)

>>Quelle: VCÖ, „Verkehrssystem sanieren für die Zukunft“, Schriftenreihe „Mobilität mit Zukunft“, Wien 2016

Die VCÖ-Publikation „Verkehrssystem sanieren für die Zukunft“ zeigt den aktuellen Veränderungsbedarf im Verkehrssystem, Grundsätze für dessen Sanierung und bereits umgesetzte Lösungen.

Die Publikation kann hier oder unter der Telefonnummer +43-(0)1-893 26 97 beim VCÖ um 30 Euro bestellt werden.

Impressum:

VCÖ, Bräuhausgasse 7–9, 1050 Wien, T +43-(0)1-893 26 97, F +43-(0)1-893 24 31, E vcoe@vcoe.at, www.vcoe.at
Layout: A BISS Z PRODUCTIONS, 1090 Wien, Nussdorferstraße 16; Fotos: Projektblatt/Angela Batik (S. 1), Luiza Puiu (S. 2), Konrad Poiss (S. 3 o.), VCÖ (S. 4 u.)

 

 

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