VCÖ-Factsheet 2016-01 - Urbaner Verkehr der Zukunft: sauber und platzsparend

Hoher Platzverbrauch und Schadstoffausstoß des fossil betriebenen Verkehrs verursachen in Städten viele Probleme. Die Bevölkerungszahl wird in den Ballungsräumen stark zunehmen. Damit Städte eine hohe Lebensqualität haben und ein attraktiver Wirtschaftsstandort sind, muss das umweltfreundliche Mobilitätsangebot stark ausgebaut werden.

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Das Mobilitätsverhalten ändert sich, besonders deutlich in den Städten. Immer mehr Menschen sind multimodal unterwegs. Schon heute wird in Wien, Innsbruck, Bregenz, Salzburg, Graz und Linz die Mehrheit der Alltagswege zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. Fast alle Landeshauptstädte haben Verkehrskonzepte beschlossen, die weniger Autoverkehr und die stärkere Nutzung von Öffentlichem Verkehr, Fahrrad und Gehen zum Ziel haben. Um diese Ziele zu erreichen, braucht es aber einen verstärkten Ausbau des umweltfreundlichen Mobilitätsangebots.

Die urbane Mobilität der Zukunft richtet sich nach den Auswirkungen auf Mensch und Platzverbrauch. Gehen und Radfahren in kompakten Strukturen sowie der Öffentliche Verkehr für größere Distanzen sind die zentralen Elemente.

Städte brauchen flächeneffizienten Verkehr

Der Platz in den Städten ist knapp. Das Auto ist jenes Verkehrsmittel, mit dem höchsten Flächenverbrauch. In der Vergangenheit orientierte sich die Neugestaltung von öffentlichen Räumen an der Autostraße. Die urbane Mobilität der Zukunft hingegen ist nach den Auswirkungen auf die Bevölkerung zu bewerten, den emissionsfreien und flächeneffizientesten Verkehrsmitteln ist Priorität einzuräumen, wie das beispielsweise in Paris, Kopenhagen, Oslo und New York zunehmend der Fall ist. Auch ein klimafreundlicher Güterverkehr spielt eine zentrale Rolle.

Die nutzbare Fläche ist in Städten stark begrenzt. Wohn-, Wirtschafts- und Erholungsflächen sowie Flächen für Verkehr stehen in Konkurrenz. Mittlerweile entlasten viele Großstädte ihre Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel gezielt durch Investitionen in multifunktional und flexibel nutzbaren öffentlichen Raum. Dauerparken im öffentlichen Raum widerspricht dessen flexibler Nutzung und ist somit konsequent zu reduzieren.

 

Öffentliche Verkehrsmittel können Menschen besonders flächeneffizient transportieren. Wird auch die Zeit betrachtet, die Pkw ungenutzt geparkt sind, benötigen sie dafür im Schnitt rund einhundert Mal mehr Fläche pro Person.

Städtischer Raum ist ein knappes Gut

Eine Straßenbahn beansprucht eine Fläche von 85 Quadratmetern und transportiert zu Hauptverkehrszeiten im Schnitt 145 Menschen – so viel wie 124 Pkw, die stehend eine Fläche von 950 Quadratmetern benötigen und nach der Fahrt zusätzlich Parkplätze brauchen.

Wollen 50 Personen eine beliebige Strecke zurücklegen, benötigen sie in Bewegung zusammen zu Fuß eine Fläche von 50 Quadratmetern, per Fahrrad von 580 Quadratmetern, mit einem Bus 70 bzw. mit einer Straßenbahn 60 Quadratmeter (jeweils vollbesetzt) und mit durchschnittlich besetzten Pkw (rund 1,3 Personen) 2.375 Quadratmeter. Selbst wenn die Pkw vollbesetzt sind, werden zum Transport der 50 Personen immer noch 610 Quadratmeter Straßenfläche benötigt. Nicht berücksichtigt ist hier, dass die Autos auch Platz zum Parken, meist im Straßenraum, benötigen.

Für eine vollständige Bewertung ist auch die zeitliche Inanspruchnahme von Flächen im öffentlichen Raum maßgebend: genutzte Fläche multipliziert mit der Anzahl der Stunden, in denen sich das Verkehrsmittel im öffentlichen Raum befindet. Öffentliche Verkehrsmittel sind besonders flächeneffizient, Carsharing gleicht den Platzbedarf zum Parken von Autos etwas aus.

Multimodale Sharing-Angebote ausbauen

Schnittstellen, an denen Öffentlicher Verkehr und Mobilitätsdienstleistungen wie etwa Car- und Bikesharing oder Taxi zusammentreffen, gewinnen an Bedeutung. Die Vorteile multimodaler Mobilitätsangebote sind die hohe Flexibilität und der Komfort, wenn Mobilitätsplattformen verschiedene Optionen und Services per App vernetzen. Die kommenden Angebote wie Beam Beta in Wien oder UbiGo in Göteborg vereinen Öffentlichen Verkehr, Carsharing, Fahrrad-Services und Taxis und bieten eine gemeinsame Buchung und Abrechnung. Mittlerweile gibt es weltweit in mehr als 970 Städten Bikesharing. Allein im Jahr 2015 sind 120 Städte neu hinzugekommen, davon 60 in China und 20 in den USA. Besonders gut ausgebaut ist Bikesharing in Paris mit mehr als 20.000 und in Barcelona mit etwa 6.000 Fahrrädern. Durch den Abstand der Stationen von maximal 300 Metern sind die Stationen gut zu Fuß erreichbar.

Der elektrische Cargohopper beliefert seit Jahren erfolgreich Utrechts Altstadt. In Amsterdam kombiniert der Lieferdienst Foodlogica Container als dezentrale Logistikfläche, ein elektrisches Frachtenboot, E-Lieferwägen und E-Transporträder.

E-mobile Konzepte für urbane Bedürfnisse

Der geringere Schadstoff-Ausstoß von E-Autos wird angesichts des hohen Stickoxid-Ausstoßes von Diesel-Fahrzeugen besonders in Städten immer wichtiger.
Dennoch können auch mit E-Fahrzeugen nicht alle durch den Kfz-Verkehr verursachten Probleme ausgeräumt werden. Vor allem das Platzproblem im öffentlichen Raum wird durch den Einsatz von E-Autos nicht gelöst. Es stellt sich also auch bei der Nutzung von E-Autos trotz seiner Vorteile immer die Frage, ob ein Weg platzsparend mit dem Öffentlichen Verkehr, Fahrrad, zu Fuß oder in Kombination verschiedener Verkehrsmittel erfolgen kann. Die im Betrieb emissionsfreien E-Fahrzeuge können etwa im Carsharing oder Wirtschaftsverkehr gut eingesetzt werden. Auch für schwer verlagerbare Wege etwa in dünn besiedelten Stadtrandbezirken oder als Zubringer zum Öffentlichen Verkehr können E-Fahrzeuge eine gute Alternative sein.

 

Einstieg durch E-Carsharing

In Deutschland werden aktuell etwa zehn Prozent der zugelassenen Elektro-Fahrzeuge in Carsharing-Flotten eingesetzt. Begrenzte Einsatzgebiete, vielfach nur kurze Strecken im Stadtverkehr und das zentrale Flottenmanagement schaffen gute Bedingungen. Die Anschaffungskosten werden beim Carsharing auf viele Personen verteilt. In München und Berlin zeigte sich, dass viele Nutzerinnen und Nutzer ihre erste Erfahrung mit E-Autos beim Carsharing machen.

E-Carsharing schafft eine kalkulierbare Nachfrage nach Ladeinfrastruktur. In Paris wurde das Netz von 4.500 Ladesäulen des E-Carsharing-Angebots „Autolib“ von der Stadt mitfinanziert. Rund 220.000 Personen sind bei „Autolib“ registriert.

Für London ist ein ähnliches Angebot mit 3.000 Fahrzeugen geplant. Das Unternehmen eMio betreibt in Berlin ein Sharing-Angebot mit E-Mopeds. 150 elektrische Roller inklusive Helmen können stationsunabhängig zum Minutentarif per Smartphone-App ausgeliehen werden.

S-Bahnen weisen österreichweit starke Fahrgastzuwächse auf. In die Landeshauptstädte pendeln besonders viele Menschen. Dem Ausbau leistungsfähiger Stadt- Umland-Verbindungen auf der Schiene ist besonders hohe Priorität einzuräumen.

Dezentrale Logistikflächen nötig

Der städtische Wirtschaftsverkehr erfüllt eine zentrale Funktion für die Versorgung der Bevölkerung und den Austausch von Waren und Dienstleistungen. Gleichzeitig ist er Teil der Konkurrenz um knappe innerstädtische Flächen. Bis zu 50 Prozent des CO2-Ausstoßes im städtischen Straßenverkehr sind leichten und schweren Nutzfahrzeugen zuzurechnen. Für geringere Umweltbelastungen durch Nutzfahrzeuge und höhere Effizienz braucht es stadtverträgliche, innovative Logistikkonzepte, um Fahrten zu bündeln und zu verlagern.

Seit dem Jahr 2012 verwendet ein Paketdienst in Hamburg einen mobilen Container in unmittelbarer Nähe einer Einkaufsstraße, der als Umschlagspunkt für zwei Transporträder zur Feinverteilung dient. Durch eine Ausdehnung auf vier Containerstandorte und neun Lastenräder will das Unternehmen bis zu zwölf Zustellfahrzeuge einsparen. Andere Praxis-Beispiele nutzen elektrische Klein-Lkw.

Stadt und Umland effizient verbinden

Der Ausbau des Öffentlichen Verkehrs wird von entscheidender Bedeutung für das Funktionieren der Ballungsräume sein, denn die Straßeninfrastruktur in den Städten kann kaum mehr erweitert werden oder verursacht außerordentlich hohe Kosten und Umweltfolgen.

Der Stadt-Umland-Verkehr ist eine der größten Herausforderungen. Für Wien und das Umland ist bis zum Jahr 2030 mit einem zusätzlichen Mobilitätsbedarf über die Stadtgrenzen von bis zu 20 Prozent zu rechnen. Es ist verstärkt in dichtere Intervalle, beschleunigte Verbindungen und neue Schieneninfrastruktur zu investieren.

S-Bahnen und Radschnellwege ausbauen

Die Doppelgarnitur einer S-Bahn wie in Wien eingesetzt, kann pro Fahrt 775 Autofahrten ersetzen. Das Potenzial der Bahn ist in der Ostregion doppelt so hoch wie die aktuelle Nutzung. Viele wohnen dort im Einzugsbereich einer Bahnhaltestelle.

Hauptradrouten vom Umland direkt ins Stadtzentrum haben sich in den Niederlanden und im Großraum Kopenhagen bewährt. In Deutschland wird im Ruhrgebiet ein 100 Kilometer langer Radschnellweg gebaut. In London nahm das Radfahren entlang der zwei neuen „Cycle Superhighways“ in nur einem Jahr um 46 Prozent beziehungsweise
83 Prozent zu. Zwischen Linz und dem Umland sind neun Rad-Highways geplant. Zusammen mit E-Bikes können sie einen substanziellen Beitrag im Pendelverkehr leisten und sind vergleichsweise kostengünstig.

VCÖ-Empfehlungen

Nachhaltige Prioritäten im urbanen Verkehr setzen

• Höchste Priorität für den Ausbau des Öffentlichen Verkehrs sowie der Infrastruktur für Radfahren und Gehen, öffentliche Flächen auch als Aufenthaltsräume gestalten.
• Haltestellen des Öffentlichen Verkehrs multimodal vernetzen, dichtes Netz an Bikeund Carsharing-Standorten für Mobilität nach dem Prinzip „Nutzen statt Besitzen“.
• Intermodales Routing und „Mobility as a Service“: Die Vernetzung von Öffentlichem Verkehr, Sharing-Angeboten und Mobilitätsdienstleistungen soll bei Zugang, Routing und Abrechnung die ganze Bandbreite multimodaler, urbaner Mobilität abdecken.

Schienen- und Radinfrastrukturen für Stadt-Umland-Verkehr
S-Bahnen ausbauen, ein Netz an Radhauptrouten errichten.

Menschen vor Schadstoffen und Lärm schützen
Parkraumbewirtschaftung, Verkehrsberuhigung, Umweltzonen, City-Maut, Tempo-Reduktion.

E-Fahrzeuge nutzen
Für Firmen- und Lieferflotten, kommunale Dienste, Carsharing, Taxi, Zweiräder und nicht verlagerbare Kfz-Fahrten sind E-Fahrzeuge optimal einzusetzen.

Smart Urban Logistics umsetzen
Umweltfreundliche Lieferkonzepte umsetzen, kleinteilige Umschlagflächen für innerstädtische Standorte errichten, Intermodalität rund um Städte forcieren (Schiene – Straße – emissionsfreie Feinverteilung).

>>Die Rahmenbedingungen und Herausforderungen, mit denen Städte konfrontiert sind, machen klar: Die begonnene Mobilitätswende hin zu einer emissionsfreien und platzsparenden Mobilität ist zu beschleunigen.<<

- Mag. Markus Gansterer, VCÖ-Verkehrspolitik

 

>> Quellen: 

VCÖ, „Urbaner Verkehr der Zukunft“, Schriftenreihe „Mobilität mit Zukunft“, Wien 2016

 

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Die VCÖ-Publikation „Urbaner Verkehr der Zukunft“ zeigt Wege auf, wie bei zunehmender Mobilität die Verkehrsbelastungen verringert und die Luftqualität und Lebensqualität in den Städten erhöht werden können.

Die Publikation kann hier oder unter der Telefonnummer +43-(0)1-893 26 97 um 30 Euro bestellt werden.

Impressum: 
VCÖ, Bräuhausgasse 7–9, 1050 Wien, T +43-(0)1-893 26 97, F +43-(0)1-893 24 31, E vcoe@vcoe.at, www.vcoe.at
Layout: A BISS Z PRODUCTIONS, 1090 Wien, Nussdorferstraße 16; Fotos: Robert Eder (S. 1), Reinhard Öhner (S. 2), Cargohopper (S. 3 o.li.), Amsterdam Smart City, Foodlogica. Amsterdam (S. 3 re.), Styria-Mobile (S. 4 o.), VCÖ (S. 4 u.)

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