VCÖ-Factsheet 2015-13 - Mobilität älterer Menschen ändert sich

Die Zahl älterer Menschen nimmt in den kommenden Jahren stark zu – ebenso ihre Vielfalt. Ein Großteil der zukünftigen Seniorinnen und Senioren wird mobiler sein als heute. Mobilitätsangebot und Verkehrssystem sind seniorengerecht zu gestalten. 

VCÖ-Factsheet 2015-13 als PDF (716,0 KiB)

Bis zum Jahr 2030 erreichen die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er-Jahre das Pensionsalter. Heute sind in Österreich fast 750.000 Menschen 75 Jahre oder älter, bis zum Jahr 2030 wird die Anzahl älterer Menschen auf rund eine Million oder um 38 Prozent anwachsen. Die Bevölkerungsgruppe der Seniorinnen und Senioren wird immer heterogener. Gewohnheiten, Fähigkeiten und Gesundheitszustand differenzieren sich. Die Zahl technikaffiner älterer Menschen steigt. Ältere Menschen werden in naher Zukunft deutlich mobiler sein als Gleichaltrige bisher. Freizeitverkehr sowie Wahlfreiheit des Verkehrsmittels werden zunehmen.

Bedürfnisse älterer Menschen ändern sich

Für die meisten älteren Menschen wird Gehen zur wichtigsten Form der Mobilität.

Auch der Digitalisierungsgrad bei älteren Menschen nimmt laufend zu. Gleichzeitig ist darauf Rücksicht zu nehmen, dass es immer auch Menschen geben wird, die nicht Technologie-affin sind. Eigenständige Mobilität ist für ältere Menschen ein Schlüssel zur Teilhabe am sozialen Leben und wichtig für das subjektive Wohlbefinden und die Gesundheit. Das Mobilitätssystem ist unter anderem durch Barrierefreiheit und geringere Geschwindigkeiten an die Bedürfnisse älterer Menschen anzupassen. Durchgängige Fuß- und Radwegnetze sind wesentlich für den Erhalt der Mobilität älterer Menschen. 

Viele unterschiedliche Faktoren beeinflussen das Mobilitätsverhalten von Seniorinnen und Senioren, wie beispielsweise persönliche Gesundheit, soziale Kontakte, Einkommenssituation, Wohnumfeld, Verkehrsangebote, Technologienutzung, Einstellungen und Werteorientierungen.

Die Mobilitätsnachfrage sinkt zwar insgesamt mit steigendem Alter, doch Bereiche wie der Freizeitverkehr erleben einen Wachstumsschub.

Der Pkw-Besitz ist bei älteren Menschen ebenso niedrig wie bei jungen Erwachsenen. Ein Fünftel der Haushalte von Menschen über 60 Jahren verfügt über Zeitkarten für den Öffentlichen Verkehr.

Seniorinnen und Senioren versuchen, wie andere auch, ihren gewohnten Mobilitätsstil so lange wie möglich beizubehalten. Menschen, die aufgrund von Routinen an ein einziges Verkehrsmittel gewöhnt sind, sind besonders gefährdet immobil zu werden, wenn sie dieses nicht mehr nutzen können.

Rund 20 Prozent der Menschen im Alter ab 60 Jahre haben kein Auto im Haushalt, nur die Hälfte hat Mitfahrgelegenheiten für Besorgungen.

Ältere Menschen stufen Schwierigkeiten bei der Beteiligung am Kfz-Verkehr als gering ein. Das liegt vor allem daran, dass von den zurzeit älter Werdenden ein großer Anteil einen Führerschein besitzt. Hingegen werden der Öffentliche Verkehr, das Radfahren und Gehen häufig als mit Barrieren behaftet wahrgenommen. Ebenso wie andere Altersgruppen unterschätzen auch ältere Menschen meist die Risiken beim Autofahren, während sie die Probleme mit anderen Verkehrsarten überschätzen.

Gesundheitliche Heterogenität des hohen Alters

Mehr als die Hälfte der über 80-Jährigen ist bei guter Gesundheit.

Mehr als die Hälfte der über 80-Jährigen in Österreich hat einen guten Gesundheitszustand, aber zum Teil mit kognitiven Einschränkungen. 45 Prozent sind von relativ stark ausgeprägten körperlichen Einschränkungen betroffen. Gebrechlichkeit geht einher mit zunehmenden Mobilitätseinschränkungen.

Bedingungen für aktive Mobilität verbessern

Auch wenn die Unterschiede zwischen den Seniorinnen und Senioren größer werden, insgesamt haben ältere Menschen ein deutlich anderes Mobilitätsverhalten als die 30- bis 65-Jährigen. So steigt der Anteil der zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegten Wege, das Auto wird weniger genutzt.

Für das Verkehrssystem bedeutet die demografische Veränderung, dass im Ortsgebiet Verkehrsberuhigung und ein niedriges Tempo des Kfz-Verkehrs wichtiger werden. Es braucht ein Netz an barrierefreien und breiten Gehwegen und ausreichend Möglichkeiten die Fahrbahn zu queren. Das öffentliche Verkehrsnetz ist zu verbessern, für kleine Gemeinden sind Dorfbusse und Anruf-Sammeltaxis gut geeignet.

Bei den Motiven für das Mobilitätsverhalten ist es älteren Menschen weniger wichtig, Zeit einzusparen oder schnell einen Parkplatz zu finden. Dagegen ist es ihnen vergleichsweise wichtig, bequem voranzukommen, Bewegung zu haben, sicher unterwegs zu sein, anregende Wege vorzufinden und mit anderen Menschen zusammen zu sein.

Ein altengerechter Öffentlicher Verkehr

Um für die zunehmend wahlfreien älteren Menschen attraktiv zu sein, dürfen Wegstrecken zur nächsten Haltestelle nicht zu lange sein. Auch der Weg dorthin braucht attraktive Gestaltung und Komfort, beispielsweise durch wettergeschützte Sitzmöglichkeiten. Für mehr als 80 Prozent der über 60-jährigen Fahrgäste ist eine gute Erreichbarkeit ihres Bahnhofs mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr wichtig. Für 70 Prozent ist Barrierefreiheit beim Einstieg und Ausstieg von hoher Bedeutung. Für 77 Prozent ist ein einfacher Ticketkauf sehr wichtig, für die Hälfte mehr und einfachere Information.

Überfüllte Fahrzeuge, Losfahren an Haltestellen, bevor sich die Fahrgäste hinsetzen konnten, unzureichende Verbindungen, Unpünktlichkeit oder schlechter Zugang zur Infrastruktur wiegen für ältere Menschen besonders schwer. Individuelle Informationen zu Wegeketten von Tür zu Tür ermöglichen einen höheren Komfort, außerdem ein Gefühl der Sicherheit und Selbstgestaltung.

Das Informationsverhalten zum Öffentlichen Verkehr unterscheidet sich je nach Altersgruppe. Personen ab 60 Jahre bewegen sich häufig im Rahmen ihrer Mobilitätsgewohnheiten. Der Mobilitätsverzicht aufgrund von Informationsmangel betrifft insbesondere Personen über 75 Jahre. Ältere nutzen zudem häufiger Fahrpläne und Telefonhotlines.

Bei digitaler Mediennutzung große Unterschiede zwischen älteren Menschen

Heute nutzt bereits die Hälfte der 65- bis 74-Jährigen das Internet, davon jede dritte Person auch per Smartphone. 70 Prozent der 60- bis 69-Jährigen verfügen über ein Smartphone. Aufgrund individueller Technikerfahrung und Bildung sind in dieser Altersgruppe die Unterschiede besonders groß. Zwar steigt der Anteil der stark technikaversen Personen mit dem Alter, doch umgekehrt sind bereits jetzt 40 Prozent der über 75-Jährigen technikaffin. Technikaversion ergibt sich am stärksten aus einer erwarteten oder erlebten Einschränkung von direkten menschlichen Kontakten sowie durch das Gefühl der Überforderung.

Bei der Nutzung mobiler Geräte sehen sich ältere Menschen mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert. Die Erstinbetriebnahme erweist sich meist als große Hürde. Beim Auftreten von Problemen mit neuen Technologien zeigt sich oft große Unsicherheit. Die größte Unterstützung leisten hier Familienangehörige. Gibt es diese nicht, braucht es externe Beratung zur Problemlösung.

Verkehrssystem altengerecht gestalten

Die Zahl der Personen, die älter als 74 Jahre sind, nimmt in Österreich besonders stark zu. Gleichzeitig ist diese Gruppe in ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen vielfältiger.

Ältere Menschen werden in naher Zukunft mobiler sein als Gleichaltrige bisher. Die Freizeitmobilität wird zunehmen, ebenso die Wahlfreiheit des Verkehrsmittels. Im Bereich des Öffentlichen Verkehrs braucht es hohe Qualität und gezielte Ansprache.

In ländlich peripheren Gebieten, in denen der Anteil älterer Menschen besonders steigt, und in suburbanen Gebieten gibt es die signifikant geringste Zufriedenheit mit Informationen zum Öffentlichen Verkehr. Es besteht dort also nicht nur ein Nachholbedarf an Mobilitätsangeboten, sondern auch an leicht zugänglichen Informationen.

Mobilität ist zentral für ein selbstständiges Leben und für soziale Kontakte

Ältere Menschen erledigen viele Alltagswege mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Doch 56 Prozent der älteren Menschen in kleinen Orten Österreichs fehlt es in fußläufiger Distanz an Geschäften. Auch Ärzte und Apotheken sind für eine Mehrheit der Personen ab 60 Jahren in kleineren Gemeinden Österreichs nicht zu Fuß erreichbar.

Bis zu einem Viertel der über 75-Jährigen leidet an Vereinsamung. Vier von fünf Menschen unter 75 verlassen täglich ihre Wohnung, mehr als 60 Prozent sind es bei den 75- bis 84-Jährigen und bei den über 85-Jährigen nur mehr etwas mehr als die Hälfte. Personen, die sozial isoliert leben, haben nachweislich einen schlechteren Gesundheitszustand als Menschen, die aktiv am Sozialleben teilnehmen.

 

VCÖ-Empfehlungen

Mobilitätsangebot an ältere Menschen anpassen

• Öffentlichen Verkehr barrierefrei, zuverlässig und einfach nutzbar gestalten.

• Umsteigeverbindungen im Öffentlichen Verkehr müssen auch für langsamere Menschen gut erreichbar sein.

• In kleineren Gemeinden Mobilitätsangebote und Nahversorgung verbessern.

• Informationen an Fahrscheinautomaten intuitiv erfassbar und einheitlich aufbauen

• Ansprechpersonen in Bahnhöfen und Fahrzeugen bieten Hilfestellung und vermitteln ein höheres Sicherheitsgefühl

Altersgerechte und bewegungsfreundliche Gestaltung des Verkehrssystems

• Niedrige Tempolimits und mehr Verkehrsberuhigung umsetzen

• Breite Gehsteige, barrierefreie Wege mit ausreichend Sitzmöglichkeiten zum Rasten, Hindernisse entfernen, Abkürzungen öffnen, öffentliche Toiletten, wohnortnahe Grün- und Parkanlagen

• Stolperfallen beseitigen (beschädigter Belag, Höhenunterschiede bei Asphaltkanten, lockere -Pflastersteine), Gehsteigkanten absenken, ausreichende Beleuchtung, Hindernisse wie hereinragende Hecken entfernen

• Wettergeschützte Warte- und Sitzmöglichkeiten am Weg zu und bei Haltestellen

• Gut ausgebaute und beschilderte Radinfrastruktur mit unkomplizierten Kreuzungssituationen

• Querungshilfen (Mittelinseln) bei schwer passierbaren Fußgängerübergängen

 

>> Mit der kommenden älteren Generation ist das Mobilitätssystem an deutlich mobilere Seniorinnen und Senioren mit vielfältigen Fähigkeiten und Bedürfnissen auszurichten. <<

- Mag. Markus Gansterer, VCÖ-Verkehrspolitik:

 

Die VCÖ-Publikation „Gesellschaftliche Entwicklungen verändern die Mobilität“ zeigt, welche neuen Anforderungen an das Mobilitätsangebot durch gesellschaftliche Veränderungen entstehen.

Die Publikation kann hier oder unter der Telefonnummer +43-(0)1-893 26 97 um 30 Euro bestellt werden.

 

>> Quellen: 
VCÖ, „Gesellschaftliche Entwicklungen verändern die Mobilität“, Schriftenreihe „Mobilität mit Zukunft“, Wien 2015; ÖPIA 2015: Gesundheit und Krankheit im hohen Alter ; Astrid Segert, IHS 2012: Informations-praktiken Technikaffinität und Alltagsmobilität; Projekt MONA 2014: Mobile Nachbarschaft; Projekt „mobi.senior.A“ 2015 Forschungsbericht

 

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