VCÖ: Zu hohe Stickoxid-Belastung bei 19 Messstellen - Nichteinhaltung der Abgasgrenzwerte verschärft Problem

VCÖ (Wien, 23. September 2015) – Neue Dieselfahrzeuge verschmutzen beim Fahren die Luft mit deutlich mehr Schadstoffen als die Grenzwerte vorschreiben, auch in Europa. Leidtragende ist die Bevölkerung, die einer erhöhten Schadstoff-Belastung ausgesetzt ist. Der VCÖ weist darauf hin, dass im Vorjahr in Österreich bei mindestens 19 Messstationen der Stickstoffdioxid-Jahresgrenzwert überschritten wurde. Am höchsten war die Belastung in Vomp entlang der A12, gefolgt von der Stadt Salzburg und Wien Hietzinger Kai. Der VCÖ fordert Abgasmessungen beim Fahren. Bei groben Überschreitungen sollen die Hersteller zur Nachrüstung oder zur Rücknahme des Fahrzeugs verpflichtet werden.

Laut Angaben von VW sind elf Millionen Dieselautos mit manipulierten Abgaswerten unterwegs. Der VCÖ weist darauf hin, dass zahlreiche Studien zeigen, dass auch in Europa viele Dieselautos beim Fahren deutlich mehr gesundheitsschädliche Schadstoffe emittieren als der Grenzwert vorschreibt. So hat das renommierte Forschungsinstitut ICCT neue Dieselautos der Abgasklasse EURO6 (seit 1. September 2015 vorgeschrieben) getestet. Ergebnis: Die Stickoxid-Emissionen waren beim Fahren im Schnitt sieben Mal so hoch wie der Grenzwert für die Tests im Labor vorschreibt.

„Die Bevölkerung bezahlt die Nichteinhaltung von Abgasgrenzwerten mit ihrer Gesundheit. Entscheidend sind nicht theoretische Laborwerte am Papier, entscheidend für die Gesundheit der Menschen ist, was auf der Straße beim Auspuff rauskommt“, betont VCÖ-Expertin Ulla Rasmussen. Der VCÖ weist darauf hin, dass in Österreich im Vorjahr bei zumindest 19 Messstationen der Jahresgrenzwert für Stickstoffdioxid überschritten wurde, weitere neun liegen nur knapp darunter. Vor allem bei verkehrsnahen Messstellen ist die gesundheitsschädliche Schadstoffbelastung hoch.

Am höchsten war die Belastung im Vorjahr bei der Messstelle Vomp entlang der A12 Inntalautobahn, wo der Jahresgrenzwert um zwei Drittel überschritten wurde: Statt maximal 35 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft betrug die Belastung im Jahresdurchschnitt 57 Mikrogramm. Am zweithöchsten war die Belastung in der Stadt Salzburg, wo entlang der A1 Westautobahn 51 Mikrogramm gemessen wurden und am Rudolfsplatz 50 Mikrogramm. Auch die Bevölkerung entlang der Westeinfahrt in Wien ist einer zu hohen Schadstoffbelastung ausgesetzt: Die Messstelle Wien Hietzinger Kai wies im Jahresmittel eine Belastung von 49 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft auf. Auch bei Messstationen in Graz, Enns, Linz, Hallein, Hall, Imst, Kundl, Mutters/Gärberbach, Lienz, Feldkirch, Höchst und Lustenau wurde der Jahresgrenzwert überschritten. 

Das Reizgas Stickstoffdioxid (NO2) verursacht Entzündungen in den Atemwegen. Dadurch kommt es unter anderem zu Husten und Asthmaanfällen und Beeinträchtigungen der Lungenfunktion. Auf kindliche Atemwege sind die Auswirkungen einer chronischen Belastung besonders stark: Verzögerungen des Lungenwachstums haben Folgen bis ins Erwachsenenalter. Bei älteren Menschen kann eine zu hohe Stickstoffdioxid-Belastung das Herzinfarktrisiko erhöhen.

In Österreich sind 2,7 Millionen Diesel-Pkw zugelassen, das ist ein Anteil von rund 57 Prozent an den Pkw. Im Vorjahr betrug der Anteil der Diesel-Pkw an den Neuzulassungen 56,8 Prozent, heuer stieg der Diesel-Anteil weiter auf 57,9 Prozent. Zwei Drittel der Diesel-Autos sind auf „juristische Personen“ (Betriebe, Firmen, Behörden, usw.) angemeldet.

Der VCÖ fordert, dass in Österreich Abgasmessungen bei Dieselfahrzeugen im realen Straßenverkehr durchgeführt werden. Neue Dieselfahrzeuge sind nach dem Zufallsprinzip auszuwählen, die Messungen sollen von unabhängigen Fachleuten, wie etwa dem Umweltbundesamt, durchgeführt werden. Wenn bei Fahrzeugen eine deutliche Überschreitung der Abgasgrenzwerte festgestellt wird, soll der Hersteller zur Nachrüstung oder zur Rücknahme des Fahrzeugs verpflichtet werden. "Technisch ist die Einhaltung der Grenzwerte möglich", betont VCÖ-Expertin Rasmussen.

Zudem soll auf EU-Ebene der neue Fahrtestzyklus WLTP bereits im Jahr 2016 eingeführt werden. Dieser ergibt realistischere Verbrauchswerte als der derzeit verwendete NEFZ-Test, der völlig veraltet ist. Zudem soll der neue Testzyklus so wie in den USA um einen „Real Life Test“ (Abgastest beim Fahren auf der Straße) ergänzt werden.

Wichtig ist aber auch das Mobilitätsangebot für die Bevölkerung zu verbessern und die Freiheit in der Verkehrsmittelwahl zu erhöhen: „Der Dieselskandal macht einmal mehr deutlich, dass eine gute Luftqualität nicht mit mehr Autos erreicht werden kann. Es braucht ein dichteres öffentliches Verkehrsnetz, vor allem die Verbindungen vom Umland in die Städte sind österreichweit zu verbessern“, betont VCÖ-Expertin Rasmussen.

 

VCÖ: Bei vielen Messstationen war gesundheitsschädliche Stickstoffdioxid-Belastung zu hoch 
(Grenzwert für Jahresmittelbelastung: 30 Mikrogramm / Kubikmeter Luft (plus 5 Mikrogramm Toleranzgrenze), im Jahr  2014 )

Vomp Raststätte A 12: 57  Mikrogramm / Kubikmeter Luft
Stadt Salzburg A1: 51
Stadt Salzburg Rudolfsplatz: 50
Wien Hietzinger Kai: 49
Hallein A10: 49
Kundl A12: 48
Linz Römerbergtunnel: 46
Feldkirch Bärenkreuzung: 46
Enns Kristein: 45
Graz Don Bosco: 44
Lustenau Zollamt: 43
Mutters / Gärberbach A13: 43
Lienz Amlacherkreuzung: 39
Hallein B159: 39
Wien Taborstraße: 38
Höchst Gemeindeamt: 38
Innsbruck Fallmerayerstraße: 38
Imst A12: 36
Hall (bei Sportplatz): 36

Knapp unter dem Grenzwert

Vomp (An der Leithen): 35
Zederhaus: 35
Wien A23 Wehlistraße: 35
St. Pölten (verkehrsnah): 32
Linz 24er Turm: 32
Klagenfurt Nordumfahrung A2: 32
Graz Mitte: 31
Wien Belgradplatz 31
Klagenfurt Völkermarkterstraße: 31

Quelle: Bundesländer, VCÖ 2015

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