VCÖ-Studie: Nur durch Ausbau können Öffis zunehmenden Verkehr in den Städten bewältigen - 01.03.2013

Österreichs Ballungsräume brauchen mehr S-Bahnen und Straßenbahnen. Das ist das Kernergebnis einer neuen VCÖ-Studie. Bis zum Jahr 2030 werden in den Landeshauptstädten und deren Umland um rund eine halbe Million Menschen mehr leben als heute. Die derzeitigen Kapazitäten im Öffentlichen Verkehr reichen nicht aus, um das zukünftige Verkehrswachstum bewältigen zu können. Der VCÖ fordert den Ausbau der S-Bahnen und mehr Straßenbahnen in den Städten.

Im Jahr 2030 werden in Österreichs Ballungsräumen 5,3 Millionen Menschen leben, um eine halbe Million mehr als heute. In Wien und Umgebung werde um rund 300.000 Menschen mehr wohnen als heute. „Mehr Bevölkerung bedeutet mehr Mobilität. Um einen Verkehrskollaps in den Städten zu verhindern, muss diese zusätzliche Mobilität in erster Linie vom Öffentlichen Verkehr bewältigt werden. Doch mit den derzeitigen Kapazitäten ist das nicht zu schaffen“, fasst VCÖ-Experte Mag. Markus Gansterer ein zentrales Ergebnis der heute präsentierten VCÖ-Studie „Die Stadt auf Schiene bringen“ zusammen.

Neben der Bevölkerungszunahme und den steigenden Spritpreisen, sorgt vor allem das geänderte Mobilitätsbewusstsein für die wachsende Anzahl an Fahrgästen. Immer mehr Menschen geht es in erster Linie darum, rasch, kostengünstig und komfortabel ans Ziel zu kommen. Die Bereitschaft auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen nimmt daher zu. Studien zeigen, dass viele Autofahrer umsteigen wollen, wenn es gute öffentliche Verkehrsverbindungen gibt.

In Österreich gibt es in nur fünf Städten Straßenbahnen: In Wien, Linz, Graz, Innsbruck und Gmunden. International feiert die Straßenbahn eine Renaissance, aus gutem Grund: Die Platzprobleme in den Städten nehmen zu. In einer Straßenbahn fahren bei einer Auslastung von 70 Prozent 145 Personen. Eine einzige Straßenbahnfahrt ersetzt im Schnitt 124 Autofahrten, verdeutlicht der VCÖ. In rund 90 Prozent der Autos sitzt nur eine Person. Zudem verbraucht ein Auto pro Personenkilometer fünf bis sieben Mal so viel Energie wie U-Bahn, Straßenbahn und S-Bahn. Der städtische Schienenverkehr ist auch im Gegensatz zum Auto vom Erdöl unabhängig. „Strom können wir dank Wasserkraft und erneuerbarer Energie selbst produzieren. Der Schienenverkehr macht unsere Mobilität auch unabhängiger von Preisschwankungen am Weltmarkt“, betont VCÖ-Experte Gansterer.

Auch bei der CO2-Bilanz gewinnt die Schiene: Im Schnitt verursacht ein Pkw pro Personenkilometer mit 168 Gramm sieben Mal so viel CO2 wie die Straßenbahn und zehn Mal so viel CO2 wie die U-Bahn. Und Straßenbahn, U-Bahn und S-Bahn verursachen beim Fahren keine gesundheitsschädlichen Abgase. Der VCÖ fordert den Ausbau der Straßenbahnnetze sowie eine „Grüne Welle“ für die Bim. Durch eine Bevorrangung der Straßenbahnen sind die Fahrzeiten zu verringern, die einzelnen Garnituren können pro Tag häufiger fahren und damit mehr Fahrgäste transportieren. „Die Grüne Welle für die Bim ist eine der kostengünstigsten Maßnahmen, um mehr Kapazitäten für den Öffentlichen Verkehr zu schaffen“, so VCÖ-Experte Gansterer. In Wien kann mit einer konsequenten Bevorrangung und eigenen Gleiskörpern das Durchschnittstempo der Straßenbahnen von derzeit 15 auf 24 km/h erhöht werden.

Für die Verbindung vom Umland in die Städte fordert der VCÖ den Ausbau der S-Bahn. Derzeit gibt es in Österreich in sechs Ballungsräumen insgesamt 35 Linien. In der Salzburger S-Bahn können pro Zug mehr als 300 Personen fahren, in der Wiener S-Bahn haben in einer Doppelgarnitur mehr als 1.000 Personen Platz, damit ersetzt eine S-Bahnfahrt rund 920 Autofahrten. Dass Österreichs zweitgrößter Ballungsraum Linz–Wels kein S-Bahnsystem hat, ist eines der größten verkehrspolitischen Versäumnisse in Österreich. Nicht geeignet ist die U-Bahn um das Umland mit der Stadt zu erschließen. Die U-Bahn ist ein Hochleistungsverkehrsmittel, das dort Sinn macht, wo viele Menschen wohnen und arbeiten. Pro Stunde kann eine U-Bahn bis zu 48.000 Fahrgäste transportieren. Je länger eine U-Bahn Linie, umso fehleranfälliger wird sie. Die VCÖ-Studie zeigt, dass die Wiener U-Bahnen im Vorjahr 128 Millionen Autofahrten und rund eine Milliarde Autokilometer vermieden haben.

Im EU-Vergleich ist Österreich der Spitzenreiter beim Schienenverkehr, wie die VCÖ-Studie zeigt. Im Schnitt werden hierzulande pro Kopf und Jahr 1.770 Kilometer auf der Schiene gefahren. Allein mit den Straßenbahnen und der Wiener U-Bahn werden pro Jahr rund 4,1 Milliarden Kilometer gefahren, das sind 490 Kilometer pro Person und Jahr.


VCÖ: Österreichs Ballungsräume legen stark an Bevölkerung zu
(Anzahl Bevölkerung im Jahr 2030, Zunahme gegenüber dem Jahr 2011) 
Wien: 1.902.000 (plus 180.400 Personen)
Wiener Umland Nord: 367.000 (plus 59.300 Personen)
Wiener Umland Süd: 381.000 (plus 60.700 Personen)
Nordburgenland: 168.000 (plus 17.900 Personen)
Ballungsraum St. Pölten: 164.000 (plus 16.000 Personen)
Ballungsraum Linz-Wels: 610.000 (plus 57.600 Personen)
Ballungsraum Salzburg: 372.000 (plus 23.400 Personen)
Ballungsraum Graz: 455.000 (plus 48.700 Personen)
Ballungsraum Innsbruck: 314.000 (plus 27.100 Personen)
Ballungsraum Rheintal: 312.000 (plus 29.300 Personen)
Ballungsraum Klagenfurt-Villach: 293.000 (plus 15.700 Personen)
Gesamt: 5.338.000 (plus 536.100 Personen)
Quelle: Statistik Austria, VCÖ 2013


VCÖ: Wien ist Öffi-Spitzenreiter unter Landeshauptstädten
(Anteil des Öffentlichen Verkehrs an den zurückgelegten Wegen)
1. Wien: 39 Prozent
2. Linz: 24 Prozent
3. Graz: 20 Prozent
4. Innsbruck: 17 Prozent
5. St. Pölten: 17 Prozent
6. Salzburg: 16 Prozent
7. Bregenz: 9 Prozent
8. Klagenfurt: 6 Prozent
Eisenstadt: Keine aktuellen Daten verfügbar
Quelle: VCÖ 2013

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