VCÖ: Österreichs Verkehrssystem ist umfassend zu sanieren

VCÖ: Infrastrukturpolitik und Verkehrsplanung oft im Widerspruch zu Klimazielen

VCÖ (Wien, 17. November 2016) – Das Verkehrssystem ist ein Sanierungsfall, wie eine aktuelle VCÖ-Publikation zeigt. Die derzeitige Infrastrukturpolitik und Verkehrsplanung stehen  in vielen Bereichen im Widerspruch zu beschlossenen Klima- und Energiezielen. Vordringlich sind der Ausbau der Infrastrukturen für die E-Mobilität, aber auch für den Öffentlichen Verkehr, für Fußgängerinnen und Fußgänger und Radverkehr. Zudem ist die Straßenverkehrsordnung (StVO) zu umfassend zu modernisieren.

„Wir stehen vor den größten Änderungen in der Mobilität seit Beginn der Massenmotorisierung. Diese Veränderungen sind aufgrund von Rahmenbedingungen wie dem Klimaabkommen von Paris auch dringend nötig“, stellt VCÖ-Experte Markus Gansterer fest. Das Klimaabkommen von Paris bedeutet, dass der Verkehr bis zum Jahr 2050 ohne Erdöl funktionieren muss. Im Jahr 2015 verbrannte der Verkehr in Österreich noch 7,7 Millionen Tonnen Erdöl (davon 99 Prozent der Kfz-Verkehr) und verursachte fast 22 Millionen Tonnen CO2. Zudem ist der Verkehr durch Unfälle, Abgase und Lärm für zahlreiche Gesundheitsprobleme verantwortlich.

Die Bevölkerungszahl in Österreichs Landeshauptstädten wird bis zum Jahr 2030 von rund 2,7 auf mehr als drei Millionen steigen. Auch das Umland wächst, die Pendelströme nehmen zu. Die urbane Mobilität muss platzsparender werden. Beim Pkw-Verkehr gibt es aber die gegenteilige Entwicklung, macht der VCÖ aufmerksam. Zwar sind die Autos größer und breiter geworden und haben mehr PS, aber in den Autos sitzen immer weniger Personen. Um 1.000 Personen im Pkw zu transportieren waren vor 25 Jahren im Schnitt 714 Pkw unterwegs, jetzt sind mit 862 Pkw um 21 Prozent mehr unterwegs. Ein großer Teil der Zunahme des Autoverkehrs ist Folge dieser Entwicklung.

„Wenn wir die Anforderungen an die zukünftige Mobilität betrachten, dann ist das heutige Verkehrssystem ein Sanierungsfall. Es braucht grundlegende Verbesserungen“, weist VCÖ-Experte Gansterer auf ein Ergebnis der VCÖ-Publikation „Verkehrssystem sanieren“ hin. 

Bei fünf Bereichen sieht der VCÖ besonders großen Handlungsbedarf: Infrastrukturen für die E-Mobilität; Freiheit in der Verkehrsmittelwahl auch außerhalb der großen Städte; ein Umdenken in der Infrastrukturpolitik; eine umfassende städtische Mobilitätssanierung und die Modernisierung der Straßenverkehrsordnung StVO.

So ist die E-Ladeinfrastruktur an wichtigen Standorten auszubauen, vor allem für Büro- und Wohngebäude braucht es rasch Vorgaben, betont der VCÖ. Das Bahnnetz ist so wie in der Schweiz zu 100 Prozent zu elektrifizieren. Und das Potenzial der E-Fahrräder ist stärker zu nutzen, etwa durch Radschnellwege.

Die Freiheit in der Verkehrsmittelwahl ist auch außerhalb der großen Städte zu erhöhen. Das Angebot an Carsharing und Leihrädern ist auszubauen. Bei neuen Wohnhausanlagen sollte die Pkw-Stellplatzverpflichtung durch ein vielfältiges Angebot an Carsharing, E-Bikes, E-Mopeds oder Lastenräder ersetzt werden.

In Zukunft sollte sich die Errichtung der Verkehrsinfrastruktur danach richten, wie viel Verkehrsmenge erwünscht sowie aus sozialer und ökologischer Sicht verträglich ist. Derzeit wird mit der Fortschreibung der Entwicklung des Kfz-Verkehrs der vergangenen Jahre der Bau von Straßen geplant. Mit dem Bau neuer Straßen oder dem Ausbau bestehender Straßen nimmt wiederum der Kfz-Verkehr zu, was im Widerspruch zu Umwelt-, Energie- und Verkehrszielen steht.  Am Beispiel des Ballungsraums Wien ist das gut sichtbar. Vom Korridor Gänserndorf fuhren im Jahr 2009 noch 27 Prozent der nach Wien einpendelnden Personen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, im Jahr 2014 waren es nur mehr 18 Prozent. Dazwischen lag die Eröffnung der S1 Nord. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der mit dem Öffentlichen Verkehr nach Wien fahrenden Personen aus dem Raum Schwechat und Mistelbach. Wie eine starke Zunahme des Öffentlichen Verkehrs erreicht werden kann, zeigt der Korridor St. Pölten, wo nach der deutlichen Verbesserung und Beschleunigung der Bahnstrecke der Anteil des Öffentlichen Verkehrs von 28 auf 37 Prozent stieg.

In den Städten ist der Platz im Straßenraum gerechter zu verteilen. Überdimensionierte Straßen brauchen eine „Diät“. Etwa indem die Fahrstreifen reduziert werden und der Bereich für das Gehen ausgeweitet wird. Begegnungszonen, wie es sie in bereits 53 Gemeinden in Österreich gibt, sind zu forcieren. Gehwege sollten im Minimum so breit sein, dass zwei Personen mit Rollator bequem aneinander vorbeigehen können. Zudem ist die Zahl der Ampeln zu reduzieren. Allein in Österreichs Landeshauptstädten gibt es rund 2.200 Ampelanlagen, so der VCÖ.

In der Straßenverkehrsordnung sollte statt der Flüssigkeit des Kfz-Verkehrs die Gesundheit und Sicherheit der Menschen oberste Priorität bekommen. Bei Verkehrsstrafen ist in Zukunft das Gefährdungspotenzial stärker zu berücksichtigen.

„Damit Österreichs Verkehrssystem die Mobilität der Zukunft effizient und sicher bewältigen kann, reichen kosmetische Korrekturen nicht aus. Es braucht eine umfassende Sanierung des Verkehrssystems“, stellt  VCÖ-Experte Gansterer abschließend fest

Die VCÖ-Publikation „Verkehrssystem sanieren für die Zukunft“ ist beim VCÖ unter (01) 8932697, vcoe@vcoe.at oder www.vcoe.at erhältlich

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