VCÖ: Hohe Ultra-Feinstaubbelastung an stark befahrenen Straßen

VCÖ (Wien, am 8. Jänner 2015) – An stark befahrenen Straßen in Städten kann die Ultra-Feinstaubbelastung ähnlich hoch sein wie in Raucherlokalen. Das ist ein Ergebnis von Messungen, die der VCÖ gemeinsam mit Lufthygiene-Experten in Wien durchgeführt hat. Hauptverursacher sind Dieselfahrzeuge ohne Partikelfilter. In verkehrsberuhigten Zonen und in Nebenstraßen ist die Ultra-Feinstaubbelastung deutlich geringer. Ultra-Feinstaub kann massive Gesundheitsschäden verursachen. Der VCÖ fordert unter anderem die Ausweitung der Fahrverbote für alte Lkw ohne Partikelfilter und mehr Öffi-Verbindungen für Pendler.

„An stark befahrenen Straßen ist die Belastung mit gesundheitsschädlichem Ultra-Feinstaub punktuell enorm hoch. Nicht nur für Fußgängerinnen und Fußgänger, sondern auch für die Fahrzeuginsassen“, fasst VCÖ-Expertin DI Bettina Urbanek das Ergebnis der Messungen zusammen, die der VCÖ in Wien gemeinsam mit dem internationalen Experten Press-Kristensen vom Danish Ecological Council durchgeführt hat. Der Grund für die Messungen: Trotz der großen Gesundheitsschädlichkeit gibt es in Österreich im Gegensatz zu Deutschland und Dänemark für Ultra-Feinstaub (PM0,1) keine Messstationen.

An verkehrsfernen Orten beträgt die Ultra-Feinstaub Belastung rund 4.000 Partikel pro Kubikzentimeter Luft, beispielsweise im Park Schönbrunn. Die höchste Durchschnittsbelastung am Gürtel war fast 30 Mal so hoch: Am Hernalser Gürtel wurde eine durchschnittliche Belastung von 114.164 Partikel pro Kubikzentimeter Luft gemessen, der maximale Minutenwert betrug sogar 165.631 Partikel. „Die Spitzenbelastungen im Straßenverkehr erreichen die Dimensionen verrauchter Lokale“,  macht VCÖ-Expertin Urbanek aufmerksam.

„Je kleiner die Staubpartikel, umso stärker beeinträchtigen sie die Gesundheit der Bevölkerung. Nicht nur die Atemwege sind betroffen: Die winzigen Partikel sind für viele Organsysteme gefährlich“, stellt Umweltmediziner Dr. Hans Peter Hutter von den ÄrztInnen für eine gesunde Umwelt fest. Größerer Feinstaub (PM10) bleibt in den oberen Atemwegen (Nase, Rachen) „hängen“. Die kleinsten Partikel (PM0,1 bis PM1) können bis in die Lungenbläschen und in den Blutkreislauf eindringen. So gelangen sie in verschiedene Organe, wo sie chronische Mikroentzündungen mit schwerwiegenden Folgen verursachen können.

Auch an anderen Messstellen entlang des Gürtels war die Belastung mit 69.000 bis 89.000 Partikeln hoch, ebenso die Belastung an der Westeinfahrt am Hietzinger Kai (rund 50.000 ). Der dänischen Experte Press-Kristensen war erstaunt über die hohen Ultra-Feinstaub-Werte: „Das Danish Ecological Council hat in vielen europäischen Städten Messungen durchgeführt. In Wien sind die Werte viel höher als in Kopenhagen, Berlin oder Milan.“

Wie groß der Einfluss des Kfz-Verkehrs auf die Ultra-Feinstaubbelastung ist, wird durch die deutlich niedrigeren Werte in Straßen mit wenig oder gar keinem Verkehr sichtbar. So wurde in Nebenstraßen mit wenig Verkehr Durchschnittswerte von rund 12.000 Partikeln gemessen, am Stephansplatz von rund 9.500 Partikeln.

Weiteres Ergebnis: Eine zweistündige Testfahrt hat ergeben, dass im Inneren des Autos die Ultra-Feinstaubbelastung im Schnitt rund sechs Mal so hoch war wie die Hintergrundbelastung in einem verkehrsfreien Bereich. Der höchste Wert wurde am Grünen Berg gemessen mit einem Minutenwert von durchschnittlich rund 230.000 Partikeln. Besonders hoch ist die Belastung, wenn vor dem Fahrzeug alte Lkw oder Diesel-Pkw ohne Partikelfilter fahren. „Speziell in Stoßzeiten stehen die Autos in einer Abgaswolke. Für Berufsfahrer kann die dauerhafte Belastung zu gesundheitlichen Problemen führen“, so VCÖ-Expertin Urbanek.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat im Jahr 2012 die Dieselabgase als krebserregend eingestuft. Für Österreich ist diese Erkenntnis unerfreulich, weil es hier seit rund 20 Jahren einen Diesel-Boom gibt und die Anzahl von Diesel-Fahrzeugen ohne Filter hoch ist. Dazu kommen noch rund 420.000 Lkw, die mit Diesel fahren. Umweltmediziner Hutter fordert Konsequenzen: „Es ist seit langem bekannt, dass frische, reaktive Abgase wie sie etwa im Straßenraum eingeatmet werden, besonders gefährlich sind. Insbesondere Dieselruß gehört zu den gesundheitsschädlichen, krebserregenden Bestandteilen des Ultrafeinstaubs. Aus ärztlicher Sicht müssen daher vordringlich Ultrafeinstaub-Quellen in unmittelbarer Nähe von menschlichen Atemorganen reduziert werden.“

Der VCÖ fordert ein Maßnahmenpaket gegen die Ultrafeinstaub-Belastung. So sind alte Lkw ohne Partikelfilter regelrechte Feinstaub-Schleudern. „Erst die modernen Lkw der Klasse EURO 6 weisen einen geringen Ausstoß von Ultra-Feinstaub auf. Deshalb sollte schrittweise das Fahrverbot in den Luftsanierungsgebieten auf alle Lkw ausgedehnt werden, die keinen modernen Partikelfilter haben“, betont VCÖ-Expertin Urbanek.

Zudem sind die öffentlichen Verkehrsverbindungen vom Umland in die Städte auszubauen. „Mehr Pendlerinnen und Pendler müssen die Möglichkeit bekommen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Städte zu fahren“, betont VCÖ-Expertin Urbanek. So sollte im Ballungsraum Wien die S-Bahn ausgebaut werden.

Zudem fordert der VCÖ Maßnahmen, um Fußgängerinnen und Fußgänger vor der Ultra-Feinstaubbelastung des Verkehrs stärker zu schützen. Dazu zählen auch kürzere Rotphasen bei Fußgängerampeln. „Gerade dort, wo die Ultra-Feinstaubbelastung hoch ist, sollten Fußgängerinnen und Fußgänger maximal 45 bis 60 Sekunden auf die nächste Grünphase warten müssen“, so  VCÖ-Expertin Urbanek.  Taxiflotten und betriebliche Fuhrparks sollen verstärkt auf Elektro-Fahrzeuge umgerüstet werden. Umweltmediziner Hutter: „Statt dem üblichen Verantwortung abschieben – beim Feinstaub sind es immer die anderen, die ihn produzieren – braucht es verantwortungsvolles Handeln.“

 

VCÖ: Hohe Ultra-Feinstaubbelastung an stark befahrenen Straßen (Anzahl Ultra-Feinstaub-Partikel pro Kubikzentimeter Luft, Durchschnitt von fünf Minuten. Werte zeigen lokale Belastung am Mess-Ort, Datum: 30.11., 1.12. 2014; Wetter: regnerisch. Auswahl von Messstellen - kein Ranking)

Wien Hernalser Gürtel (Ecke Kinderspitalgasse): 114.164 Partikel (Maximaler Minutenwert 165.631 Partikel)

Wien Neubaugürtel: 89.414 Partikel (maximaler Minutenwert: 160.288 Partikel)

Wien Lerchenfelder Gürtel (Ecke Lerchenfelderstraße): 82.578 Partikel (maximaler Minutenwert: 105.616 Partikel)

Wien Hietzinger Kai(bei Ober St. Veit): 50.043 Partikel (maximaler Minutenwert: 85.473 Partikel)

Wien Taborstraße (Ecke Glockenstraße): 41.685 Partikel (Maximaler Minutenwert: 70.683 Partikel)

Wien Landesgerichtsstraße (Nähe Rathaus): 31.575 Partikel (Maximaler Minutenwert 50.344)

Wien Schönbrunner Schlossstraße: 31.224 Partikel (Maximaler Minutenwert 68.453)

Wien Mariahilferstraße (Ecke Esterhazystraße) : 16.008 Partikel  (Maximaler Minutenwert: 16.748)

Wien Amalienstraße (Ecke Testarellogasse, kaum Verkehr bei Messung): 10.527 Partikel (Maximaler Minutenwert als Fahrzeuge vorbei fuhren: 25.359 Partikel )

Wien Stephansplatz: 9.563 Partikel (maximaler Minutenwert: 11.437 Partikel)

Wien Park Schönbrunn (kein Verkehr): 4.098 Partikel

Quelle: VCÖ 2015

 

VCÖ: Hohe Ultra-Feinstaubbelastung auch im Fahrzeug-Inneren (Autofahrt am 1. Dezember durch Wien, Dauer: 125 Minuten, regnerisches Wetter)

Hintergrundbelastung: 4.357 Partikel

Durchschnittliche Belastung während gesamter Fahrzeit: 26.277 Partikel

Maximaler Minutenwert: 230.583 Partikel (Grünbergstraße bergauf)

Quelle: VCÖ 2015

Zurück zur Übersicht