Fachleute bei VCÖ-Fachkonferenz: Größten Öffi-Fahrgastschwund der zweiten Republik rasch wieder wettmachen

Fachleute: Öffentlichen Verkehr als Konjunktur- und Klimschutz-Lokomotive nutzen

Wien (29. Jänner 2021) – Die Schweiz Europameisterin, Österreich EU-Champion. Pro Person und Jahr wurden in der Schweiz 2.500 Kilometer mit der Bahn gefahren, in Österreich 1.500 Kilometer. Das war im Jahr 2019, vor Covid-19. Das Jahr 2020 brachte den größten Fahrgastrückgang der jüngeren Geschichte. Um die Klimaziele erreichen zu können, muss der Öffentliche Verkehr nicht nur Fahrgäste zurückgewinnen, sondern auch einen deutlich höheren Anteil an der Mobilität erreichen als vor der Coronakrise. Welche Maßnahmen für ein erfolgreiches Comeback des Öffentlichen Verkehrs nötig sind, wurde heute bei der VCÖ-Fachkonferenz diskutiert an der insgesamt mehr als 180 Fachleute teilnahmen.

Bei einer repräsentativen Umfrage, die im Oktober vom Institut TQS im Auftrag des VCÖ durchgeführt wurde, gaben 42 Prozent der Befragten an, jetzt weniger mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren als vor der Covid-19-Pandemie. Zwar gaben auch 31 Prozent an, dass sie nun weniger Autofahren, aber 20 Prozent fahren mehr mit dem Auto als vor der Coronakrise.

Ähnlich die Situation in der Schweiz. Daniela Walker, vom Verband Öffentlicher Verkehr Schweiz, wies in ihrer Key-Note auf die Fahrgastrückgänge der SBB hin, die im Fernverkehr stärker als im Nahverkehr waren. Insgesamt war der Rückgang im 1. Lockdown mit bis zu 80 Prozent am stärksten, im Sommer mit rund einem Viertel am geringsten, im November und Dezember verzeichnete man Rückgänge von 40 bis 50 Prozent. »Betreffend die Erreichung der Klima- und Energieziele ist es unabdingbar, dass der Öffentliche Verkehr wieder in Fahrt kommt und an Verkehrsanteilen gewinnt.»

Die TU-Wien hat eine Analyse der international vorhandenen Studien zu Präventivmaßnahmen gegen Covid-19 im Öffentlichen Verkehr durchgeführt. „Die vorliegenden Analysen zeigen, dass der Öffentliche Verkehr bei der Pandemieverbreitung eine untergeordnete Rolle spielt“, fasst Univ. Prof. Günther Emberger von der TU-Wien zusammen. International häufig umgesetzte Präventivmaßnahmen sind Mund-Nasenschutz, die Trennung zwischen Fahrer und Fahrgäste und das Forcieren von E-Ticketing.

„Die Fahrgastbedürfnisse sind durch Covid-19 ins Rampenlicht gerückt. Nützen wir diese Chance, um die Verkehrswende zu erreichen“, betont die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher. Als hohe Qualität werden ausreichend Sitzplätze, häufige Verbindungen mit optimal aufeinander abgestimmte Anschlussverbindungen und komfortable Wagenmaterial erlebt, ergänzt VCÖ-Experte Michael Schwendinger und weist auf die Ergebnisse einer von VCÖ und TU Wien durchgeführten Befragung unter rund 500 Fachleuten hin. Als sehr wirksame Maßnahme, um die Zahl der Fahrgäste im Öffentlichen Verkehr wieder zu erhöhen sind häufigere Verbindungen insbesondere zu den Stoßzeiten an, um überfüllte Fahrzeuge zu vermeiden. Zentral sind aus Sicht der Fachleute auch politische Maßnahmen, wie die ökosoziale Steuerreform und umfassende Parkraumbewirtschaftung in den Ballungsräumen als Anreize zum Umstieg vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel.

Die Geschäftsführerin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg Susanne Henkel sieht die Wiederherstellung des Vertrauens in den Öffentlicher als zentrale Aufgabe nach Bewältigung der Coronakrise. Eine Angebotsoffensive mit Infrastrukturausbau, häufigeren Verbindungen und verbesserter digitaler Fahrgastinformation seien die richtige Antwort. Dafür ist eine nachhaltige Finanzierung des Öffentlichen Verkehrs unverzichtbar, so Henkel.

Die Verlagerung von Autofahrten auf den Öffentlichen Verkehr reduziert die Treibhausgas-Emissionen deutlich. Pro Jahr wurden vor Covid-19 in Österreich bereits mehr als 80 Milliarden Personenkilometer mit dem Pkw gefahren. Pro Milliarde Personenkilometer, die von einem Diesel- oder Benzin-Pkw auf die Bahn verlagert werden, reduzieren sich die CO2-Emissionen um rund 200.000 Tonnen, verdeutlicht der VCÖ. Die sich verschärfende Klimakrise ruft auch die Geschäftsführerin der Wiener Linien, Alexandra Reinagl, in Erinnerung: „Die Klimakrise wurde zwar in der öffentlichen Debatte von der Coronakrise abgelöst – der Klimaschutz bleibt aber weiterhin eines der wichtigsten Themen. Öffis nützen bedeutet Klima schützen.“

„Bei der Bewältigung der Klimakrise wird dem Öffentlichen Verkehr eine wichtige Rolle zukommen, womit der Nachfrageeinbruch während der COVID-Pandemie langfristig mehr als wettgemacht werden kann“, ist Stefan Mayerhofer der Leiter der Abteilung Personenverkehr des Klimaschutzministeriums überzeugt. Zudem habe sich der Öffentliche Verkehr in Zeiten der Krise als verlässlicher Partner erwiesen und die notwendige Mobilität für die Bevölkerung sichergestellt.

Darauf weist auch Sylvia Leodolter, Leiterin der Abteilung Umwelt und Verkehr in der AK, hin: „Der Öffentliche Verkehr sorgt für viele Menschen für Stabilität in der Krise, für jene die im Öffentlichen Verkehr arbeiten und für jene, die ihn nutzen. Wir befinden uns auch in einer besorgniserregenden Beschäftigungskrise. Arbeitsplätze schaffen und sichern und die Klimakrise entschlossen bekämpfen -  da muss der Öffentliche Verkehr eine ganz wichtige Rolle spielen.“

Die Rolle des Öffentlichen Verkehrs als Jobmotor und Konjunkturlokomotive betont auch der Geschäftsführer der Traktionssysteme Austria, Günter Eichhübl. Österreich beheimatet im Bereich der Bahnindustrie zahlreiche Unternehmen, die am Weltmarkt erfolgreich sind. Die Coronakrise stellt auch die Industrie vor große Herausforderungen. Eichhübl: „Die an die Betreiber des Öffentlichen Verkehrs liefernde Industrie muss durch Präsenz und Flexibilität auch in diesen Zeiten ihren Beitrag zum Funktionieren der Systeme leisten. Die Zuverlässigkeit in den betrieblichen Abläufen zu organisieren ist das Gebot der Stunde.“

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