VCÖ-Factsheet 2013-14 - VCÖ: Wirtschaft beleben durch nachhaltige Mobilität

Der Mobilitätswandel hin zu Öffentlichem Verkehr, Radfahren und Carsharing verringert nicht nur die vom Verkehr verursachten Umweltschäden, sondern ist auch ein Konjunkturmotor für Österreichs Wirtschaft.

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In Österreich vollzieht sich derzeit der größte Mobilitätswandel seit Beginn der Massenmotorisierung. Trends, wie hohe Energiepreise, Digitalisierung und Urbanisierung beschleunigen die Wende hin zu einer energieeffizienteren und kostengünstigeren Mobilität und führen zu einer sinkenden Zahl an jährlich gefahrenen Pkw-Kilometern in den meisten Industriestaaten. Die Politik ist gefordert, diesen Wandel zu unterstützen und zu beschleunigen. Umso mehr als Pkw und Lkw hohe externe Kosten für die Allgemeinheit verursachen. Zusätzlich zum Ausbau der Infrastrukturen für klima-freundliche Mobilität braucht es auch eine umfassende Ökosteuerreform, die Ressourcenverschwendung stärker besteuert.

Klimafreundliche Mobilität sichert in Österreich 200.000 Arbeitsplätze

In Summe schafft klimafreundliche Mobilität in Österreich 200.000 Vollzeit-Arbeitsplätze pro Jahr und hat großes Wachstumspotenzial für die Zukunft. Damit garantieren Öffentlicher Verkehr, Fahrradwirtschaft, Carsharing und Telematik gleich viele Arbeitsplätze wie der Pkw-Sektor. Rund 140.000 Arbeitsplätze werden direkt und indirekt durch Öffentlichen Verkehr, Busunternehmen und Schieneninfrastruktur geschaffen, weitere 20.000 sichert die stark exportierende Bahnindustrie in Österreich.
Diese hat mit 6,5 Prozent den fünftgrößten Anteil am Weltmarkt für Bahngüter, für den bis zum Jahr 2017 ein jährliches Wachstum von 2,7 Prozent prognostiziert wird. Investitionen in die Bahninfrastruktur bringen bei gleicher Investitionssumme langfristig einen fast dreimal so hohen Wertschöpfungseffekt wie Ausgaben für Straßenbauten sowie deutlich höhere Beschäftigungseffekte. Während eine in Autobahnen investierte Milliarde Euro etwa 10.700 Beschäftigungsjahre bringt, sind es bei Bahnstrecken und U-Bahnbau etwa 17.000, bei Bahnhöfen 18.100. Auch Radfahrinfrastruktur und Verkehrsberuhigungsmaßnahmen haben eine um 55 Prozent höhere Beschäftigungswirkung als der Autobahnbau.

Jobmotor: Nachhaltige Mobilität sorgt in Österreich für etwa gleich viel Beschäftigung wie der Pkw-Bereich.

Kfz-Ausgaben schaffen wenig neue Beschäftigung

Der Kauf von Autos generiert nur halb so viel Beschäftigung wie andere Konsumausgaben privater Haushalte. Auch die mehr als zwölf Milliarden Euro, die in Österreich im Vorjahr für Treibstoffe ausgegeben wurden, haben eine geringe Beschäftigungswirkung. Telematikanwendungen sichern rund 8.000 Arbeitsplätze und auf den Bereich Taxi und Carsharing entfallen weitere 14.000 Arbeitsplätze. Der Radfahrboom fördert nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Wirtschaft. Bereits im Jahr 2008 sicherte die Fahrradwirtschaft in Österreich direkt und indirekt 18.400 Vollzeit-Arbeitsplätze. Seither sind die Zahl der Fahrradverkäufe sowie der Radtourismus deutlich gestiegen. Es macht für die Beschäftigungswirkung einen großen Unterschied, wofür Geld ausgegeben wird. Werden um eine Million Euro Produkte des Alltags gekauft, wie Lebensmittel, Kleidung oder Haushaltsgeräte, entstehen 15 zusätzliche Arbeitsplätze. Eine Million Euro in Wohnbau investiert, schafft 18 neue Arbeitsplätze und der Auto-Kauf um diese Summe bringt nur acht neue Arbeitsplätze – also etwa halb so viel.

Beschäftigungseffekt: Privater Konsum und Investitionen in den Wohnbau generieren doppelt so viele Arbeitsplätze wie der Autokauf.

Weniger Spritverbrauch kurbelt Konjunktur an

Die Gründe für die schwache Beschäftigungswirkung des Kfz-Bereichs sind vielfältig: Autos weisen einen hohen Importanteil auf, zur Produktion ist wenig Arbeitskraft nötig und die Folgekosten für Treibstoffe lösen kaum Beschäftigung aus. Für Österreichs Industrie bergen innovative Technologien großes Potenzial. Eine Studie von Cambridge Econometrics belegt, dass durch eine Verringerung des Treibstoffverbrauchs mithilfe sparsamer Fahrzeugtechnologie zahlreiche neue Arbeitsplätze geschaffen werden können. Beschließt die EU für Neuwagen ab dem Jahr 2020 einen Grenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer, dann können bis zum Jahr 2030 EU-weit bis zu einer Million neue Vollzeit-Arbeitsplätze entstehen. Die jährlichen Treibstoffkosten in der EU reduzieren sich im Jahr 2030 um 58 Milliarden Euro bei einem Grenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer und um 80 Milliarden Euro bei niedrigeren Grenzwerten.

Mobilitätswandel hat bereits begonnen

Seit dem Jahr 2005 sind die mit Öffentlichen Verkehrsmitteln in Österreich zurückgelegten Strecken im Schnitt um 1,8 Prozent pro Jahr gestiegen. Auch der Radverkehr nimmt zu. In Wien und Graz sinkt der Pkw-Motorisierungsgrad bereits. Für die Zukunft erwarten Prognosen der Auto-Industrie, dass nicht mehr der Autobesitz, sondern Mobilität als Dienstleistung nachgefragt sein wird. Heute entfallen etwa 90 Prozent der Mobilitätskosten eines Haushalts auf den eigenen Pkw und nur 10 Prozent auf serviceorientierte Mobilität. Dieses Verhältnis kann sich in Zukunft umkehren und verlangt nach neuen Geschäftsmodellen und hoher Vernetzung der Angebote. Für den Carsharing-Markt in Westeuropa und in den USA wird bis zum Jahr 2015 eine Vervierfachung des Marktvolumens gegenüber dem Jahr 2011 erwartet. Für das Jahr 2020 wird eine Zunahme der Zahl der Carsharing-Nutzenden um das 20-Fache prognostiziert.

Großer Unterschied: Investitionen in Infrastrukturen für Radfahren, Öffentlichen Verkehr und Verkehrsberuhigung generieren höhere Beschäftigungseffekte als der Bau von Autobahnen.

Verkehrswende verringert externe Kosten

Wer vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel und das Fahrrad umsteigt, verringert die externen Kosten der eigenen Mobilität. Externe Kosten sind jener Teil der Kosten, die nicht vom Verursachenden bezahlt werden, sondern von der Allgemeinheit. Dazu zählen unter anderen Gesundheitsschäden durch Abgas- und Lärmbelastung, Unfallfolgekosten und die Entwertung von Immobilien. Pro 1.000 Personenkilometer verursacht das Auto siebenmal so hohe externe Kosten wie die Bahn. Lkw verursachen pro Tonnenkilometer rund achtmal so hohe externe Kosten wie die Bahn.

Verkehr Richtung Nachhaltigkeit steuern

Österreich hat eines der dichtesten Straßennetze Europas. Viele Straßen müssen in den kommenden Jahren generalsaniert werden. Der Rechnungshof hat festgestellt, dass die Kosten für die Erhaltung der Landesstraßen in Kärnten, Salzburg und Tirol bis zum Jahr 2020 um rund ein Viertel auf 6.200 bis 7.100 Euro pro Kilometer steigen werden. Um das finanzieren zu können, sind der Straßenneubau zu stoppen und verursachungsgerechte Einnahmen für die Sanierung von Landes- und Gemeindestraßen zu generieren. So entsteht auch mehr Beschäftigung als etwa im Autobahnneubau.

Steuern auf Energie und Ressourcen erhöhen die Effizienz und stärken die Wirtschaft. Ökonomische Berechnungen ebenso wie internationale Erfahrungen mit Ökosteuern zeigen, dass mit einer Senkung der Lohnsteuern im selben Ausmaß zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Die ökologischen Steuerreformen in Deutschland, Dänemark, Schweden und Großbritannien hatten einen positiven Effekt auf Brutto-Inland-Produkt und Beschäftigung bei gleichzeitiger Reduktion der CO2-Emissionen, Im Verkehrssektor hat die ökologische Steuerreform in Deutschland im Zeitraum von 1998 bis 2003 zu einer Reduktion des Energieverbrauchs um zirka elf Prozent geführt, während er in Österreich um 20 Prozent gestiegen ist. Auch Österreich braucht endlich eine umfassende Ökosteuer-Reform.

 

VCÖ-Empfehlungen

Infrastrukturoffensive für klimafreundliche Mobilität

• Der Mobilitätswandel ist durch mehr Investitionen in den Öffentlichen Verkehr und die Radinfrastruktur zu beschleunigen.

• Die Menschen sind in Zukunft vielfältiger mobil, für die Verknüpfung der Verkehrsmittel braucht es die entsprechende Infrastruktur.

• Der Anteil der Elektro-Mobilität wird steigen, das ist schon heute bei Büro- und Wohngebäuden mitzuplanen.

• Effizientes Mobilitätsverhalten durch Ökosteuer-Reform belohnen.

• Der Energie- und der Ressourcenverbrauch sind höher zu besteuern, der Faktor Arbeit ist zu entlasten.

• Steuermaßnahmen im Verkehrsbereich müssen zum Ziel haben, einerseits bestehende Ungerechtigkeiten (beispielsweise Steuerbegünstigung für Diesel und Kerosin, Steuerprivileg für Firmenwagen, fehlende oder pauschalierte Straßenmauten) zu beseitigen und andererseits zusätzliche Anreize für ein ressourcen-effizienteres Mobilitätsverhalten zu setzen.

Wirtschaft auf Mobilität der Zukunft vorbereiten

• Innovative Mobilitätslösungen erhöhen die Energieeffizienz, sichern die Technologieführerschaft der Unternehmen und verbessern die Standortqualität.

• Die Mobilitätsnachfrage der Zukunft verlangt eine bessere Vernetzung der Verkehrsmittel und neue Geschäftsmodelle.

 

Mag. Markus Gansterer, VCÖ-Verkehrspolitik:

„Der Mobilitätswandel in Österreich beschleunigt sich. Das ist nicht nur für die Umwelt gut, sondern belebt auch die Wirtschaft und schafft zusätzliche Arbeitsplätze.“

 

Quelle: VCÖ, „Wirtschaft beleben durch nachhaltige Mobilität“, Schriftenreihe „Mobilität mit Zukunft“, Wien 2013

 

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