VCÖ-Factsheet 2017-01 - Wie nachhaltige Mobilität Wohnkosten reduziert

Wie Menschen wohnen und welches Mobilitätsangebot sie im Umfeld vorfinden, bestimmt die Kosten und die Umweltbilanz ihrer täglichen Wege. Gemeinden und Unternehmen können mit Maßnahmen für nachhaltige Mobilität die Wohnkosten verringern.

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In Österreich gibt ein Haushalt im Schnitt 5.100 Euro im Jahr für Mobilität aus, davon 95 Prozent für das Auto. Mobilität bei Wohnbau und Siedlungsentwicklung mitzuplanen zahlt sich aus.

Eine Wohnungslage mit fußläufigen Entfernungen und guter Infrastruktur ist die Basis für einen geringeren Verkehrsaufwand. Da zentrale Grundstücke teurer sind, reduzieren Mobilitätsangebote, die dazu beitragen den Bau von Tiefgaragen oder den Flächenverbrauch für oberirdische Stellplätze gering zu halten, deutlich die Baukosten. Gleichzeitig verringern Mobilitätsangebote, die die Abhängigkeit vom eigenen Auto vermeiden, die Ausgaben für Mobilität.

Vom Energiesparhaus zum Verkehrsparhaus

Bei der Energieeffizienz von Wohnbauten gibt es signifikante Fortschritte. Klimafreundliche Mobilität spielt bei Planungen jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Wohnprojekte brauchen aber bereits in der Planung die Integration nachhaltiger Mobilitätskonzepte. Das Konzept des Energiesparhauses ist zum Verkehrsparhaus weiterzuentwickeln. Der Wohnbau ermöglicht dabei für jeden Weg das passende klima-freundliche Mobilitätsangebot ohne Zwang zum eigenen Auto. Stadt- und Raumplanung sorgen für kurze Wege und ein dichtes Angebot an Öffentlichem Verkehr.

Pro Jahr werden in Österreich rund 40.000 Wohnungen in neuen Gebäuden errichtet. Acht von zehn Alltagswegen beginnen oder enden zu Hause. Wo wir wohnen und welches Mobilitätsangebot im Wohnumfeld zur Verfügung steht, hat großen Einfluss auf unser Mobilitätsverhalten.

Klimafreundliche Mobilität bei Wohnbau und Siedlungsentwicklung mitzuplanen verringert sowohl die Baukosten als auch die Mobilitätskosten.

Leistbarer Wohnbau durch nachhaltige Mobilität

Die Errichtung von Tiefgaragen verschlingt viel Geld und macht damit auch das Wohnen teurer

Der anfängliche Kostenvorteil eines abgelegenen Grundstücks wird über die Jahre durch die höheren Pkw-Kosten meist wieder aufgefressen. Das Projekt MORECO zeigt, dass auf 40 Jahre gerechnet die Wohn- und Mobilitätskosten etwa einer Eigentumswohnung in der Stadt Salzburg um etwa 30 Prozent niedriger sind als bei einem 30 Kilometer von der Stadt entfernten Einfamilienhaus.

Eine gute Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln, attraktive Bedingungen zum Radfahren und die Möglichkeit zum Carsharing helfen den Haushalten bei den monatlichen Kosten zu sparen. Gezielte Maßnahmen im Wohnbau fördern die Freiheit in der Verkehrsmittelwahl und im Optimalfall können die hohen Fixkosten für einen Pkw entfallen.

Raumordnung bestimmt unsere Mobilität

In peripheren Regionen Österreichs werden nur 29 Prozent der Alltagswege umweltfreundlich zu Fuß, mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt, in den zentralen Bezirken sind es 35 Prozent und in den größeren Städten (ohne Wien) sind es 50 Prozent. Während in den größeren Städten 77 Prozent der Haushalte eine Haltestelle des Öffentlichen Verkehrs binnen fünf Minuten zu Fuß erreichen, sind es in den peripheren Regionen nur 47 Prozent der Haushalte.

Aber auch in ländlichen Regionen können Nutzungsmischung und verdichtete Bauformen gute Bedingungen für das Radfahren und Gehen schaffen.

Der Zuwachs an innerörtlichen Brachflächen wird in Österreich auf rund drei Hektar pro Tag geschätzt. Statt eine autoabhängige Siedlung am Ortsrand zu errichten, ist vorhandenes Bauland zu verwenden und der Ortskern attraktiv zu gestalten. Baulücken in dichter besiedelten Gebieten sind vorrangig zu bebauen, ebenso Gebiete, die bereits mit dem Öffentlichen Verkehr gut erschlossen sind.

Mobilitätskonzepte statt Stellplatzverpflichtung

Die gemeinschaftliche Nutzung von Pkw in Wohnprojekten verringert die Kosten und den Flächenverbrauch für das Parken um mehr als das Sechsfache

Schon bei den Errichtungskosten können im Wohnbau rund 15.000 Euro pro Tiefgaragenplatz eingespart werden, wenn die Gemeinde die Zahl der verpflichtend zu errichtenden Pkw-Stellplätze reduziert. Im Schnitt kostet die Errichtung einer Wohnung in Österreich etwa 2.100 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche. Der Anteil einer Tiefgarage an den Gesamtkosten für eine durchschnittliche Wohnung beträgt etwa elf Prozent. Eine Vorschreibung von 1,75 Pkw-Stellplätzen statt einem pro Wohnung bewirkt eine um zehn Prozent höhere Miete.

In Österreich waren rund 37 Prozent aller Haushalte im Jahr 2015 Ein-Personen-Haushalte, bis zum Jahr 2030 soll ihre Zahl von rund 1,4 auf 1,6 Millionen steigen. Entsprechend wächst der Bedarf an kleineren Wohnungen – und sinkt der Bedarf am „Familienauto“.

Die Mehrheit der Bauordnungen der Bundesländer schreibt die Errichtung von Rad-Stellplätzen nur allgemein vor, es gibt kaum genaue Festlegungen hinsichtlich Anzahl und Qualität. Vorgaben zur Mindestzahl der Fahrrad-Stellplätze sind inklusive Qualitätsvorgaben in den Bauordnungen Oberösterreichs und der Steiermark verankert. Bei Wohnprojekten ist ein überdachter, absperrbarer und einfach zugänglicher Fahrrad-Abstellplatz pro 40 Quadratmeter Wohnnutzfläche die Mindestanforderung.

Autoreduziertes Wohnen wird populärer

In den Regionen ist die Hälfte der Alltagswege kürzer als fünf Kilometer, nur jeder fünfte Weg ist länger als 20 Kilometer

Im „Wohnprojekt Wien“ auf dem Nordbahnhofgelände verringerte die gemeinschaftliche Nutzung zweier Pkw die Kosten und den Flächenverbrauch für das Parken. Einsparungen von rund einer halben Million Euro konnten in attraktive Freiflächen und Gemeinschaftseinrichtungen investiert werden.

In der Seestadt Aspern in Wien stehen unter anderem Car- und Bikesharing-Angebote zur Verfügung. Finanziert werden diese über einen Mobilitätsfonds, der aus Abgaben der Pkw-Garagen gespeist wird. Wer in der Seestadt Aspern einen Autostellplatz braucht, kann ihn in einer Sammelgarage anmieten. 

Die Mobilität hat einen sehr großen Einfluss auf den Gesamtenergieverbrauch

Mobilitätsverträge für weniger Parkplätze

Die Stadt Graz setzt bei Bauprojekten wie dem Entwicklungsgebiet Reininghaus oder bei Wohnprojekten auf Mobilitätsverträge. Im Gegenzug zur Reduktion der Pkw-Parkplätze verpflichten sich die Bauträger zu Maßnahmen für eine verbesserte Mobilität, wie etwa durchlässige Geh- und Radwege, hochwertige Fahrrad-Abstellplätze, eine fußläufige Anbindung an Haltestellen, Infrastruktur für E-Mobilität, kostenlose Tickets für den Öffentlichen Verkehr und Carsharing.

Weniger Pkw-Stellplätze, dafür Jahreskarte für den öffentlichen Verkehr und Fahrradraum mit Ladestationen für E-Bikes, das bietet das Wohnprojekt Gaswerkgasse in Salzburg

Mobilitätsangebote durch Mobility Points

In der Wohnanlage Perfektastaße in Wien Liesing wurde ein lokaler Mobility Point mitgeplant. Den Bewohnerinnen und Bewohnern steht gemeinsam ein Pool an E-Fahrrädern, ein E-Transportfahrrad, ein E-Auto sowie Carsharing zur Verfügung. Das Projekt wurde mit dem VCÖ-Mobilitätspreis ausgezeichnet.

Carsharing-Communities wie carsharing 24/7 oder Anbieter wie Caruso stellen ihr Service Privatpersonen und auch Wohnanlagen zur Verfügung. Bestehende private Fahrzeuge werden damit besser ausgelastet.

E-Carsharing in Wohnanlagen gibt es etwa in Wien Beatrixgasse (ARE), in Eisenstadt (OSG und Neue Eisenstädter mit Energie Burgenland), in Innsbruck in der Wohnanlage „Pradl Ost“ (NHT mit den Innsbrucker Kommunalbetrieben), in Bregenz in der Wohnanlage St.Gebhardstraße (Rhomberg Bau und Caruso Carsharing) und in Graz Gösting (Bauträger Gröbl mit Carsharing von Ibiola).

Sharing-Angebote im Wohnbau schaffen

Auf 40 Jahre gerechnet sind die Wohn- und Mobilitätskosten einer Eigentumswohnung in der Stadt Salzburg deutlich geringer als bei einem Einfamilienhaus in dezentraler Lage

Immer mehr Städte und Gemeinden adaptieren ihre Stellplatzverordnungen. Bei nachgewiesenen ergänzenden Mobilitätsangeboten kann die Stellplatzverpflichtung abgeschwächt werden.

Bei Neubauprojekten gilt es, ergänzend zum Öffentlichen Verkehr eine breite Palette an multimodalen, individualisierten Mobilitätsangeboten wie Carsharing, E-Leihräder, Transporträder oder Mitfahrgelegenheiten direkt vor der Haustür zur Verfügung zu stellen. Besonders am Ortsrand sind ergänzende Mobilitätsangebote gefragt, etwa als ergänzendes Angebot für die letzte Meile zwischen Bahnhof und Haustür.

Neben Carsharing-Angeboten ist auch die Radfahr-Infrastruktur auszubauen und zu verbessern.

Vorgaben für Pkw-Stellplätze reduzieren

Immer mehr Beispiele zeigen, wie die Anzahl der Stellplätze im Rahmen von Mobilitätskonzepten -reduziert werden können.

Das Angebot von Wohnen und Parken ist wirtschaftlich getrennt zu organisieren. Kostenerspar-nisse bei der Errichtung von Hoch- anstelle von Tiefgaragen sowie die Möglichkeit alternativer Nutzungen (Mobility Points, Lagerflächen, Gewerbe, Büros) sind Vorteile der Errichtung von Sammelgaragen. Auf Ebene der Stadt- und Raumplanung ist dafür Sorge zu tragen, dass kompakte Siedlungen mit Nutzungsmischung vorherrschen. Raumordnung und Wohnbauförderung sind auf flächensparende Innenentwicklung auszurichten, die Bauordnungen zu reformieren.

VCÖ-Empfehlungen

Verkehrsparende Raumordnung umsetzen

• Raum- und Verkehrsplanung sind stärker aneinander auszurichten

• Flächenkonkurrenz zwischen Gemeinden vermeiden: Konsequente Anwendung der bestehenden Vorgaben und effizientere Kontrolle durch die Aufsichtsbehörde

• Innen- vor Außenentwicklung vermeidet Verkehr: Wiedernutzung bereits erschlossener Brachflächen in Ortskernen, Einsatz von Bebauungsplänen (Nutzung, Bauweise, Stellplatzreduktion) und aktives Bodenmanagement durch Gemeinden

• Mobilität in die Wohnbauförderung integrieren: Lage, dichte Bauweise und Erschließung mit Öffentlichem Verkehr als hoch gewichtete Förderkriterien

Mobilität im Wohnbau mitplanen

• Kontinuierliches Mobilitätsmanagement im Wohnbau, Förderung von Carsharing-Angeboten, gut sichtbare Stellplätze für Sharing-Fahrzeuge im öffentlichen Raum

• Zwang zur Pkw-Stellplatz-Errichtung verteuert das Wohnen und verursacht mehr Autoverkehr. Trennung des Wohn- und Parkplatz-Marktes, Sammelgaragen statt Hausstellplätze

• Abschaffung der Pkw-Stellplatzverpflichtung, Obergrenzen für die Anzahl der Stellplätze in den Bauordnungen abhängig von der Erreichbarkeit zu Fuß, per Fahrrad und im Öffentlichen Verkehr

• Verankerung einer Mindestzahl und Qualität von Fahrrad-Abstellplätzen in allen Bauordnungen sowohl für Wohngebäude als auch für Schulen, Büro- und Geschäftsgebäude sowie Sport- und Freizeiteinrichtungen

• In Wohnanlagen Platz zum Abstellen von Transporträdern, gemeinsam genutzte Fahrzeugen und Zubehör wie Fahrradanhängern vorsehen sowie eine Radservice-Station einrichten


>>„Statt der Verpflichtung zur Errichtung von Pkw-Stellplätzen sind Angebote für eine klimafreundliche Mobilität zu schaffen. Vielerorts weisen teuer errichtete Tiefgaragen einen hohen Leerstand auf.“<<

 Mag. Markus Gansterer, VCÖ-Verkehrspolitik

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>>Quelle: bmvit, „Österreich unterwegs – Ergebnisse der österreichweiten Mobilitätserhebung 2013/2014“, Wien 2016; Statistik Austria, „Wohnsituation in Österreich“ Wien 2016; VCÖ, „Verkehrssystem sanieren für die Zukunft“, Schriftenreihe „Mobilität mit Zukunft“, Wien 2016; VCÖ, „Wohnbau, Wohnumfeld und Mobilität“, Schriftenreihe „Mobilität mit Zukunft“, Wien 2015

Die VCÖ-Publikation „Verkehrssystem sanieren für die Zukunft“ zeigt den aktuellen Veränderungsbedarf im Verkehrssystem, Grundsätze für dessen Sanierung und bereits umgesetzte Lösungen.

Die Publikation kann hier oder unter der Telefonnummer +43-(0)1-893 26 97 beim VCÖ um 30 Euro bestellt werden.

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