VCÖ-Factsheet 2015-05 - Umweltfreundlich zum Einkaufen

Etwa jede vierte zurückgelegte Strecke in Österreich dient dem Einkaufen. Dass die Mehrheit der Einkaufswege mit dem Auto durchgeführt wird, verschlechtert die Klimabilanz des Verkehrs und den ökologischen Fußabdruck des Einkaufs.

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Die Vergabe von billigem Baugrund auf der „grünen Wiese“ sowie die gestiegene Autoverfügbarkeit haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass sich Geschäfte und Handelsketten außerhalb von Ortskernen ansiedeln. Aber eine Trendwende ist erkennbar. Supermärkte gibt es auch wieder zentrumsnah, einzelne Gemeinden stärken die Nahversorgung.

Zentrale Lage und gute Erreichbarkeit

Geschäfte am Ortsrand bringen viele negative Auswirkungen mit In Österreich werden heute weniger Einkäufe zu Fuß erledigt als noch vor 20 Jahren. Im Jahr 1995 wurde jeder dritte Einkauf zu Fuß gemacht, heute ist es nur mehr jeder fünfte. Einkaufszentren am Ortsrand und der Rückgang der Nahversorgung haben die Einkaufsmobilität stark verändert. Für den alltäglichen Einkauf müssen dann größere Distanzen zu den Geschäften zurückgelegt werden. Bereits jede dritte Gemeinde in Österreich hat kein eigenes Lebensmittelgeschäft.

Gemeinden und der Handel können durch vielfältige Maßnahmen das Einkaufen mit dem Fahrrad oder zu Fuß fördern und erleichtern. 85 Prozent aller Einkaufsfahrten betreffen Güter des täglichen Bedarfs. 80 Prozent aller Einkaufsfahrten mit dem Auto sind kürzer als fünf Kilometer und jeder zweite Lebensmitteleinkauf wiegt weniger als fünf Kilogramm.

Die Klimabilanz eines Einkaufs hängt auch wesentlich davon ab, mit welchem Verkehrsmittel der Einkauf erledigt wird.

Die Klimabilanz des Einkaufs hängt nicht nur vom Anbau und der Herstellung der Produkte sowie von den Transportwegen in der Produktion und auf dem Weg ins Geschäft ab. Groß ist nämlich auch der Einfluss, mit welchem Verkehrsmittel der Einkauf vom Geschäft nach Hause gebracht wird. So steckt zum Beispiel in einem Kilogramm Weintrauben aus Österreich, das mit dem Auto vom Geschäft nach Hause transportiert wird, siebenmal mehr CO2, als wenn diese Trauben mit dem Fahrrad oder zu Fuß eingekauft werden.

Die bessere Klimabilanz von regionalen und biologischen Produkten wird drastisch reduziert, wenn mit dem Auto eingekauft wird.

Einkaufen mit dem Rad hat großes Potenzial

Durchschnittlich legen Konsumentinnen und Konsumenten in Österreich für Einkäufe mit dem Auto 2,5 Kilometer zurück, nur 18 Prozent aller Einkaufsfahrten sind länger als fünf Kilometer.

Österreichweit nutzen 29 Prozent das Fahrrad zumindest gelegentlich zum Einkaufen, in Vorarlberg sogar 44 Prozent.

Eine Untersuchung in der Steiermark ergab, dass von 1.600 durchgeführten Einkäufen aufgrund der Menge oder des Gewichts nur sechs Prozent ein Auto für den Transport brauchten, für 70 Prozent wäre ein normales Fahrrad ausreichend gewesen.

VCÖ-Einkaufswege-Check zeigt Mängel auf

Leider gibt es in Österreich für das Einkaufen mit dem Fahrrad oder zu Fuß oft Barrieren und Hindernisse. Der VCÖ-Einkaufswege-Check zeigt die Problemstellen auf. Personen, die Einkäufe zu Fuß erledigen, haben unter anderem den Mangel an Gehwegen, zu schmale Gehsteige sowie zu lange Wartezeiten bei Ampeln beklagt.

Ärger löst auch aus, wenn Geschäfte für Fußgängerinnen und Fußgänger nur über einen Umweg erreichbar sind.

Kundinnen und Kunden, die mit dem Fahrrad einkaufen, beklagen besonders oft den Mangel an Fahrradabstellmöglichkeiten beim Geschäft. Auch die Qualität der Fahrradabstellanlagen lässt häufig zu wünschen übrig. Kundinnen und Kunden wünschen Abstellanlagen, die wettergeschützt und diebstahlsicher sind.

Der Handel ist auch gefordert, ausreichend Abstellflächen für jene vorzusehen, die mit Fahrradanhänger oder Lastenfahrrad einkaufen. Oft wird auch beklagt, dass es keine gute Fahrradinfrastruktur zu den Geschäften gibt. Neben fehlenden Radwegen, Radfahrstreifen oder fehlender Öffnung von Einbahnen für das Radfahren wurde auch das zu hohe Tempo des Autoverkehrs als Problem genannt. Hier sind die Gemeinden gefordert, eine radfahrfreundliche Verkehrsorganisation umzusetzen.

Gemeinden und Städte können viel tun

Die Verkehrsmittelwahl für Einkaufswege wird hauptsächlich von der Lage und Erreichbarkeit der Geschäfte beeinflusst. Zu Filialen am Stadtrand oder „auf der grünen Wiese“ kommen fast alle mit dem Auto, zu Filialen im Ortszentrum kommt die Mehrheit zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Gemeinden und Städte können die Nahversorgung fördern und für eine gute Infrastruktur für das Gehen und Radfahren sorgen. Die örtliche Raumplanung ist konsequent auf kurze Einkaufswege auszurichten. Der Druck auf die Nahversorgung durch Konkurrenz am Ortsrand ist einzudämmen.

Positivbeispiel: Götzis fördert Nahversorgung

Im Vorarlberger Götzis wird versucht, ein attraktives Einkaufsangebot in zentraler Lage anzubieten. Zielsetzung des Projekts „Am Garnmarkt“ war es, die Nahversorgung zu fördern und umweltfreundliche Einkaufsmobilität zu forcieren. Die Gemeinde hat inmitten des Ortszentrums ein Areal entwickelt, welches einer Vielzahl von Geschäften und Einrichtungen Platz bietet, mit einer guten Durchmischung von Einkaufen, Arbeiten und Wohnen. Das Areal ist von allen Ortsteilen der Gemeinde Götzis zu Fuß, mit dem Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Der Handel entscheidet über Einkaufsmobilität

Neben den Gemeinden, die für Raumordnung und Infrastruktur zuständig sind, trägt der Handel Verantwortung dafür, direkt bei den Geschäfts-lokalen für gute Bedingungen für das Einkaufen mit Rad oder zu Fuß  zu sorgen – etwa durch direkte Zugänge für Fußgängerinnen und Fußgänger sowie durch wettergeschützte und qualitativ hochwertige Fahrrad-abstellanlagen in der Nähe des Eingangs-bereichs, auch für die immer beliebteren E-Bikes und für Radanhänger.

Nur 21 Prozent aller Radfahrenden sind mit den Radabstellanlagen bei Geschäften in ihrem Umfeld voll zufrieden. Für je rund ein Viertel passen Qualität oder Anzahl der Radständer nicht. 16 Prozent sind völlig unzufrieden mit den Möglichkeiten, ihr Fahrrad bei Geschäften abzustellen.

Ortschaften untereinander gut zu Fuß und mit Rad erreichbar machen

In den Regionen sind häufig Siedlungen mit dem nächsten Ortsgebiet nur über eine Freilandstraße verbunden. Der Ort ist in Radfahrdistanz, die fehlende sichere Infrastruktur führt aber dazu, dass auch kurze Strecken mit dem Auto gefahren werden. Ein baulich getrennter Rad- und Gehweg ermöglicht es hingegen, diese meist kurzen Strecken mit dem Rad zu fahren.

Die Gemeinden und Geschäfte sind gut beraten, sich um ihre radaffinen Kundinnen und Kunden zu bemühen. Wer mit dem Fahrrad einkauft, kauft in der Nähe ein und stärkt die Nahversorgung.

Zentrale und zu Fuß gut erreichbare Filialen zeigen einen höheren Anteil von Personen, die ihre Einkäufe umweltfreundlich erledigen.

Mit Öffentlichem Verkehr einkaufen

Damit Nahversorgung in Orts- oder Stadtteilzentren dauerhaft erfolgreich ist, braucht es mehr als ein Minimalsortiment für den täglichen Einkauf. So können Gastronomie und soziale Treffpunkte, Veranstaltungen, Kooperationen mit lokalen Unternehmen sowie spezielle Serviceangebote, etwa ein Lieferservice, zum Erhalt der Nahversorgung beitragen.

Gut frequentierte Geschäfte sollten gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein. Umgekehrt ermöglicht die Ansiedelung von Lebensmittelgeschäften an Haltestellen des Öffentlichen Verkehrs, die von vielen Pendelnden frequentiert werden, gleich am Arbeitsweg einzukaufen. Das spart Zeit und vermeidet Verkehr.

Umweltfreundliche Einkaufsmobilität fördern

Während in Vorarlberg 51 Prozent der Einkäufe umweltfreundlich mit Rad, zu Fuß oder öffentlichen Verkehrsmitteln erledigt werden, sind es in Oberösterreich nur 31 Prozent. Wenn Geschäfte umweltfreundlicher erreichbar sind, verbessert sich nicht nur die Umweltbilanz des Einkaufes, es verringern sich damit auch Verkehrsprobleme im Ort.

Der Handel und die einzelnen Geschäfte können Maßnahmen setzen, die es ihren Kundinnen und Kunden erleichtern, Einkäufe ohne Auto zu erledigen. So bieten Interspar in Salzburg und Merkur in der Wiener Innenstadt ein umweltfreundliches Lieferservice mit dem Fahrrad an. Das Projekt -„BringRad“ liefert Einkäufe verschiedener -Geschäfte mit Lastenfahr-rädern nach Hause.

Mit gutem Beispiel voran gehen

In Deutschland finden knapp drei Viertel der -Konsumentinnen und Konsumenten Transport-services für eingekaufte Produkte attraktiv, mehr als die Hälfte wäre bereit, für die Lieferung zu zahlen.

Die Stadt Burgdorf in der Schweiz entwickelte mit Sozialfirmen einen Fahrradlieferdienst, an dem sich rund 50 Geschäfte beteiligen. Inzwischen haben sich 20 weitere Gemeinden angeschlossen. In Graz gibt es seit dem Jahr 2014 den Radzustelldienst -„bring-me“, mit dem die Innenstadt gegenüber den großen Einkaufszentren am Stadtrand gestärkt werden soll. Insgesamt beteiligen sich bereits 20 -Geschäfte in der Grazer Innenstadt daran.

Der Handel und die Gemeinden können gemeinsam viel tun, um das Einkaufen zu Fuß oder mit dem Rad zu fördern.

 

Maßnahmen, die positiv wirken

Was Gemeinden tun können

• Attraktives und verkehrsberuhigtes Ortszentrum schaffen, Bedingungen für das Gehen und Radfahren im Ort verbessern

• Platz zum Abstellen von Fahrrädern und Radanhängern im Straßenraum

• Nahversorgung im Ort stärken statt Einkaufszentren am Ortsrand

Was Geschäfte und der Handel tun können

• In der Nähe des Eingangs wettergeschützte Radabstellanlagen anbieten

• Ausreichend Platz für Fahrradanhänger oder Lastenfahrräder vor-sehen

• Verleih von Einkaufstrolleys, Fahrradkörben und Radanhängern

• CO2-neutralen Lieferdienst anbieten

• Bestehende Einkaufzentren sollen für gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrrad sorgen

Was die Politik in Bund und Bundesländern tun kann

• Konsequente und verkehrsparende Raumordnung. Keine neuen Einkaufszentren und Supermärkte auf der „grünen Wiese“ genehmigen.

• Bauordnung: Mindestzahl an Parkplätzen für Geschäfte überdenken

• Eindämmen von Gratis-Parkplätzen: Verkehrserreger-Abgabe in die Grundsteuer integrieren, verpflichtende Einhebung der Verkehrsanschluss-Abgabe laut ÖPNRV-G

• Rahmenbedingungen für Elektro-Lkw und Lastenfahrräder verbessern, Gütesiegel für klimafreundliche Transportdienstleistungen einführen

 

Mag. Markus Gansterer, VCÖ-Verkehrspolitik:

„Einkaufen verursacht heute viel Autoverkehr. Supermärkte liegen oft am Ortsrand und sind nur mit dem Auto gut erreichbar. Gute Bedingungen für das Gehen und Radfahren erleichtern es, umweltfreundlich einzukaufen. Und wer mit dem Rad oder zu Fuß einkauft, fährt nicht fort, sondern stärkt die Nahversorgung.“

 

Quellen: VCÖ-Mobilitätspreis, VCÖ „Multimodale Mobilität erfolgreich umsetzen“, Schriftenreihe „Mobilität mit Zukunft“, Wien 2015; VCÖ „Weniger Verkehr durch nachhaltigen Konsum“, Schriftenreihe „Mobilität mit Zukunft“, Wien 2014; VCÖ-Radfahrumfrage 2014, VCÖ-Factsheet „Infrastrukturen für das Radfahren verbessern“, Wien 2014; VCÖ-Magazin „Weggeworfene Kilometer“, Wien 2014

 

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