Teures Öl um jeden Preis

Weil das leicht zu fördernde Erdöl zur Neige geht, nehmen die Konzerne „unkonventionelle“ Öle sowie extrem gelegene Fördergebiete wie die Arktis ins Visier. Die Folgen für Umwelt und Klima sind fatal.

>> Von Roman Kellner

Als der Schweizer Greenpeace-Kletterer Marco Weber im September 2013 versuchte, ein Transparent an der Bohrinsel Prirazlomnaya zu befestigen, war ihm klar, dass er nicht mit offenen Armen empfangen werden würde. Immerhin handelt es sich um die erste Ölplattform, die in arktischen Gewässern ihren Betrieb aufgenommen hat, und ihr Betreiber Gazprom gilt als Russlands Vorzeigeunternehmen. Dass er aber gemeinsam mit 29 anderen Aktivistinnen und Aktivisten sowie zwei Journalisten der bandenmäßigen Piraterie beschuldigt werden würde, damit konnte Weber nicht rechnen. Nun sitzen alle in einem russischen Gefängnis, es drohen sieben Jahre Haft.

Hier statuiert Russland ein Exempel, das zeigt: Beim Öl machen wir keine Kompromisse. Erst seit Kurzem bietet das klimawandelbedingt zurückweichende Eis die Möglichkeit, in der Arktis nach Öl zu bohren. Russland streitet mit Kanada, den USA, Island und Norwegen und Grönland um die Zugänge. Präsident Putin präsentierte unlängst seine Vision: „Ein neues Kapitel in der Geschichte der Arktis beginnt, das sich als Epoche des industriellen Durchbruchs bezeichnen lässt, als intensive wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung.“ Was das für das verwundbare Ökosystem und die Bio-diversität der Arktis bedeutet, interessiert nicht.

Auch der stete Vorstoß in die Tiefsee ist als ein Indiz für steigende globale Öl-Nachfrage und sinkende Reserven zu werten. Ob vor den Küsten Indonesiens, Afrikas oder im Golf von Mexiko – immer tiefer und immer folgenschwerer bohren die Konzerne. Denn obwohl klar ist, dass das restliche Erdöl im Boden bleiben muss, wenn der Klimawandel gestoppt werden soll und die zwei Grad beim globalen Temperaturanstieg nicht überschritten werden dürfen, giert die Welt ungebrochen nach Öl. Auch Österreich: 12,4 Millionen Tonnen Erdöl wurden hierzulande im Jahr 2012 benötigt. 79 Prozent des gesamten in Österreich verbrauchten Erdöls werden für den Verkehr verwendet. Kein anderer Lebensbereich ist so stark von dem fossilen Brennstoff abhängig.

Umweltzerstörung durch Teersand und Ölschiefer

Jene, die weiter auf fossile Brennstoffe setzen wollen, sehen die Zukunft auch in unkonventionellen Ölen, die mittels verschiedener Verfahren erst aus Teersand, Ölschiefer oder Schiefergas herausgelöst werden müssen. Das ist mit einem sehr hohen Einsatz von Wasser, Energie und giftigen Chemikalien verbunden – fatal in ökologisch sensiblen Gebieten wie dem Orinoco-Gebiet von Venezuela, wo ein Drittel der weltweiten Teersand-Vorräte lagern. Es gibt noch einen Grund, dieses Öl besser in der Erde zu lassen: Der CO2-Ausstoß bei der Gewinnung von zum Beispiel Teersand-Öl liegt pro produziertem Liter 23 Prozent über dem von konventionellen Ölen.

Obwohl die Förderung von Teersand-Öl den kanadischen Bundesstaat Alberta mit all seinen borealen Wäldern gerade in eine Mondlandschaft verwandelt, nennt Premierminister Stephen Harper das so gewonnene Öl „ethisch“. Die Indigenen im Land sehen das anders. Lokale Umweltgruppen und zahlreiche Studien auch.

Ein Riegel kann diesem Trend in die falsche Richtung nur vorgeschoben werden, wenn solche ökologischen Nebenkosten mit eingerechnet werden. Das versucht – zumindest was den CO2-Ausstoß betrifft – die EU-Kommission. Nach Artikel 7a der Kraftstoffqualitätsrichtlinie sollen die Emissionen bei der Produktion von Treibstoffen bis 2020 um sechs Prozent verringert werden, ausgehend vom Jahr 2010. Solche Ziele sind nur erreichbar, wenn auch vorgelagerte Emissionen eingerechnet werden. Eine Studie im Auftrag von Transport & Environment (T&E) hat errechnet, dass ein Verbot von Teersandöl in Europa 19 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr vermeidet, was dem jährlichen Ausstoß von sieben Millionen Autos auf den Straßen entspricht.

Im Jahr 2012 fand sich keine qualifizierte Mehrheit im EU-Ministerrat dafür oder dagegen, weshalb eine Auswirkungseinschätzung angeordnet wurde. Österreich steht derzeit auf der richtigen Seite. Der Druck, die Regeln aufzuweichen, ist groß, die Gegner strenger Kriterien drohen mit der WTO. Umso wichtiger ist es, dass die Kommission bei ihrem Vorschlag bleibt. Nusa Urbancic von T&E: „Das wäre auch ein starkes Signal in Richtung Investoren, dass Öl aus Teersand auf einem Kontinent, der den Klimawandel ernst nimmt, nicht wettbewerbsfähig ist.“

 

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Roman Kellner
www.wortundweise.at

 

>> Das Auto müsste ein Nischenphänomen werden. <<

- DI Jurrien Westerhof, viele Jahre Energie- und Verkehrsexperte bei Greenpeace in Zentral- und Osteuropa, seit Juli 2013 Geschäftsführer des Dachverbandes für Erneuerbare Energien.

Zum Energiebedarf in Österreich: 
Es ist möglich, den Energiebedarf zu halbieren und das, was dann übrig bleibt, mit erneuerbaren Energien zu decken. Bei der Reduktion des Energiebedarfs geht es vor allem um Raumwärme und Verkehr. Letzterer braucht effizientere Fahrzeuge und vor allem ein effizienteres System.

Zu Agro-Treibstoffen: 
Ich finde es prinzipiell in Ordnung, etwas, das auf einem Feld oder im Wald wächst, auch energetisch zu verwenden. Die Verschwendung im Verkehr ist viel größer als etwa beim Heizen: Ein ordentlicher Holzofen hat einen Wirkungsgrad von 80 bis 90 Prozent, ein Auto von 25 Prozent. Wenn die Autos nur ein bis zwei Liter brauchen, ginge sich mit dem jetzigen Potenzial an Agro-Sprit ein viel höherer Prozentsatz Beimischung aus.

Zu Elektroautos: 
Ich sehe die Zukunft bei den Plug-in-Hybrid-Fahrzeugen, die einen Verbrennungsmotor, aber auch eine aufladbare Batterie und einen Elektro-Antrieb besitzen. Die Batterie ist klein, aber die Reichweite passt für den Großteil der Fahrten. Der Strom muss natürlich aus erneuerbaren Energiequellen und eigenen Anlagen stammen. Aber da reicht die Photovoltaikanlage auf der Garage.

Zur Zukunft der Mobilität:
Das Auto müsste ein Nischenphänomen werden, für Bereiche in denen es wirklich keine Alternativen gibt. Technisch ist noch viel möglich, aber das wird nicht funktionieren, wenn immer noch so viel Auto gefahren wird wie jetzt. Die vernünftigste Art der Elektro-Mobilität sind natürlich Züge, Straßenbahnen, U-Bahnen etc. Die fahren sehr effizient, mit einem geringen CO2-Ausstoß pro Kopf – die sind zu stärken und auszubauen. Die wirklichen Lösungen liegen in den Verkehrssystemen. In und um Wien sitzen seit letztem Jahr mehr Menschen im Zug, und das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Kurzparkzonen erweitert wurden. Es wird auch mehr Rad gefahren. Es muss noch viel passieren, aber da passt die Richtung.

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