VCÖ-Factsheet 2014-02 - Mikro-ÖV kann Mobilität in Gemeinden deutlich verbessern

Mikro-ÖV-Systeme sind kleinräumige Mobilitätsangebote in Gemeinden. Sie werden auf die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung maßgeschneidert, verkehren nachfrageorientiert und stärken die örtliche Wirtschaft.

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Im ländlichen Raum ist es schwierig, Alltagsziele ohne eigenes Auto zu erreichen. Die Abhängigkeit vom Auto ist groß. Vor allem die zunehmende Zahl älterer Menschen erreicht die Alltagsziele kaum mehr. Vorhandene Buslinien sind oft auf den Schulverkehr ausgerichtet. Die Wege zum Arzt, zu Geschäften oder zum nächsten Bahnhof sind zum Gehen oder Radfahren meist zu weit. Gibt es ein Taxi, ist es für die regelmäßige Nutzung zu teuer.

Mikro-ÖV schließt Mobilitätslücken

Der Anteil von Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, wird in Österreich von heute rund 18 Prozent auf 24 Prozent im Jahr 2030 kontinuierlich zunehmen. Noch stärker steigt der Anteil älterer Menschen in strukturschwachen, ländlichen Regionen, wo viele junge Menschen abwandern. Ältere Menschen sowie Kinder und Jugenliche sind sind häufig auf Hol- und Bringdienste im Famlien- und Freundeskreis angewiesen. Aus diesem Grund bieten mehr und mehr Gemeinden die genannten Mikro-ÖV-Systeme wie Anruf-Sammeltaxis, Rufbusse und Gemeindebusse an. Diese sind kein Ersatz für Linienbusse, schaffen aber lokale kleinräumige Mobilitätslösungen und ergänzen das Gesamtverkehrssystem vor allem auf der wichtigen „letzten Meile“. Sie schließen vorhandene Mobilitätslücken.
Mikro-ÖV-Systeme ermöglichen einerseits die gefahrenen Auto-Kilometer in der Region zu reduzieren und andererseits Mobilität ohne Zweit- oder Drittauto. Ältere Menschen können wieder selbstständig mobil sein. Mikro-ÖV-Systeme leisten einen wesentlichen Beitrag für selbstbestimmte Mobilität. Sie können leichter soziale Kontakte pflegen und Alltagsziele, wie Geschäfte oder Ärzte, selbstständig erreichen.

Viele ohne Auto: Auch in den Bundesländern leben viele Menschen, die selbst nicht Autofahren.

Mikro-ÖV-Angebot muss gut geplant werden

Die Unterstützung durch die Gemeinde und das Einbeziehen von Bevölkerung und Betrieben in die Organisation sind für die Akzeptanz des neuen Mobilitätsangebots essenziell. Zentraler Erfolgsfaktor für kleinräumige Mobilitätsangebote ist die Ausrichtung am Bedarf und an den örtlichen Gegebenheiten (z.B. Gibt es vor Ort Taxiunternehmen?).
Eine Mobilitätserhebung in der Gemeinde sowie die Analyse der Siedlungs- und Bevölkerungsstruktur schaffen die Basis. Dann sind Bedienungsgebiet und Zielgruppen zu identifizieren und das Fahrgastpotenzial abzuschätzen. Auch aus diesen Ergebnissen ergibt sich, ob fixe Abfahrts- und Ankunftszeiten an Haltestellen festgelegt, Tür-zu-Tür-Transport oder Mischformen gewählt werden. Die Bedienzeiten werden aufgrund der Zielgruppen, der Öffnungszeiten der Versorgungseinrichtungen sowie abgestimmt auf den regionalen Öffentlichen Verkehr festgelegt. Gemeindebusse ohne Fahrplanbindung und mit Abholung an der Haustür sprechen mehr Fahrgäste an als Bedarfshalte oder Sammeltaxis. Als Ziele sollten vor allem zentrale Ausstiegsstellen wie Bahnhof, Bushaltestellen und Gesundheitseinrichtungen angefahren werden.

Eine Vielfalt an Modellen ist möglich
Die Einsatzgrenze eines Gemeindebusses liegt bei etwa 100 Personen pro Tag. Der seit dem Jahr 2000 betriebene „GmoaBus“ in Pöttsching (Burgenland) transportiert bei nur 2.900 Einwohnerinnen und Einwohnern jährlich 30.000 Fahrgäste.
Die Organisation eines Gemeindebusses durch einen nicht gewinnorientierten Verein mit Ehrenamtlichen ist am kostengünstigsten. Da nur Vereinsmitglieder mitfahren dürfen, eignet sich dieses Modell, wenn die Nutzenden im Wesentlichen immer dieselben sind. Auf rechtliche Absicherung und umfassenden Versicherungsschutz der Freiwilligen ist zu achten. Zudem braucht es eine ausreichende Anzahl motivierter Freiwilliger. Eine Konkurrenzierung von festen Beschäftigtenverhältnissen soll nicht entstehen.
Alternativ kann die Gemeinde einen gewerblichen Verein mit einer Konzession für das Mietwagengewerbe gründen. Die Lenkenden sind beim Verein beschäftigt, der Einsatz Freiwilliger ist nicht möglich. Der Vorteil ist, dass damit Arbeitsplätze in der Gemeinde geschaffen werden.
Die Beförderungsleistung kann auch ganz oder ergänzend bei einem konzessionierten Bus-, Taxi- oder Mietwagen-Unternehmen bestellt werden. Dies hat in der Regel höhere Kosten, aber auch bestimmte Vorteile. In Deutschland wird vielfach das Modell „Bürgerbus“ angewendet. In einer vertraglichen Partnerschaft zwischen einem konzessionierten Unternehmen und einem „Bürgerbus-Verein“ übernimmt der Verein die Organisation von Freiwilligen als Lenkende der bereitgestellten Busse.

Vielfältige Modelle: Es gibt viele Möglichkeiten, Öffentlichen Verkehr in der Gemeinde für Bürgerinnen und Bürger attraktiver zu gestalten.

Langfristiges Finanzierungskonzept erstellen

Fördertechnisch ist ein tragfähiges Finanzierungskonzept für zumindest drei Jahre nötig. Bei den Ausgaben ist neben Personal- und Fahrzeugkosten auch Verwaltung, Werbung, Information und  Schulung der Fahrenden zu budgetieren. Neben den Fahrgeldeinnahmen sind weitere Geldmittel durch Mitgliedsbeiträge bei Vereinsmodellen, Sponsoren, Werbeflächen am Fahrzeug und laufende Förderungen von Gemeinden und einzelnen Bundesländern möglich. Auch Kooperationen mit Partnerbetrieben tragen zur Finanzierung bei. In Ernstbrunn (Niederösterreich) unterstützen 36 Unternehmen den Trägerverein. Durch gemeinsame Fahrzeugnutzung mit Unternehmen, Vereinen oder Sozialdiensten wie „Essen auf Rädern“ oder die Kombination mit touristischen Angeboten (Schi- oder Wanderbusse) können die Kosten gesenkt werden. Die Kooperation mehrerer Gemeinden bei Anruf-Sammeltaxis und Rufbussen verteilt die Kosten und es können mehr Ziele angefahren werden. Zudem kann durch den Einsatz von E-Fahrzeugen die Umweltbilanz verbessert werden. Dafür gibt es ebenfalls Fördermittel.

Mikro-ÖV stärkt das Zusammenleben im Ort

Bestehende Gemeinde-Busse zeigen, dass sie eine wichtige soziale Funktion erfüllen. Sie werden zum Kommunikationszentrum, die Lenkenden zur Info-Drehscheibe. Engagierte Freiwillige sorgen für Werbung und Identifikation der Bevölkerung mit „ihrem Dorfbus“, was die Zielgruppe erweitert.

Förderungen für Mikro-ÖV

Der Klima- und Energiefonds wurde 2007 durch die Bundesregierung ins Leben gerufen, um innovative Wege für den Klimaschutz und eine nachhaltige Energiewende zu entwickeln. Das Förderprogramm „Mikro-ÖV-Systeme für den Nahverkehr im ländlichen Raum“ des Klima- und Energiefonds wurde in Kooperation mit dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie entwickelt. Seit dem Jahr 2011 wurden 24 Grundlagenarbeiten sowie 25 Projekte initiiert, die sich an den Bedürfnissen der regionalen Bevölkerung orientieren. Die geförderten Mikro-ÖV-Lösungen sind für die Bevölkerung leistbar und entlasten das Klima nachhaltig. Im Jahr 2014 startet das Förderprogramm voraussichtlich im Mai (www.klimafonds.gv.at).
Landesförderungen für den laufenden Betrieb gibt es in Niederösterreich und im Burgenland: Land NÖ Abteilung Gesamtverkehrsangelegenheiten: www.noel.gv.at, Mobilitätszentrale Burgenland: www.b-mobil.info

 

Mikro-ÖV schont Geldbörse und Umwelt

Der VCÖ setzt sich für einen Masterplan „Regionale Mobilität“ ein. Mikro-ÖV-Systeme sind in die Gesamtverkehrsplanung, etwa mit Mindeststandards für die Versorgung mit Öffentlichem Verkehr, sowie Fahrplan-Auskunftssysteme zu integrieren. Von zentraler Bedeutung sind langfristige Finanzierungsformen und die Anpassung rechtlicher Rahmenbedingungen.

 

VCÖ-Empfehlungen:

Mikro-ÖV als eine Ergänzung, nicht als Ersatz
Der Mikro-ÖV darf nicht zur Konkurrenz zum Linienverkehr werden. Wichtig ist, andere Anbieter  – Taxi, Mietwagenunternehmen – einzubinden.

Verknüpfung mit dem Linienverkehr
Die Zubringerfunktion zu anderen öffentlichen Verkehrsmitteln erweitert den Kreis der Nutzenden von Mikro-ÖV-Systemen. Fahrten bis zum nächsten Bahnhof sollten regelmäßig Teil des Angebots sein.

Synergien nutzen
Die Kooperation von Gemeinden und die Nutzung von Synergien mit Vereinen im Ort (etwa Essen auf Rädern, Rotes Kreuz) sind zu nützen.

In Fahrgastinformation integrieren
Mikro-ÖV-Lösungen sollten in das Gesamtverkehrssystem integriert und etwa im Zuge der Verkehrsauskunft Österreich in die Fahrpläne aufgenommen werden.

Unterstützung für Gemeinden
Die Gemeinden sind durch Beratung, Logistik und langfristige Finanzierung bei der Einrichtung von Mikro-ÖV-Systemen zu unterstützen.

Rechtliche Regeln anpassen
Zur Organisation als Verein mit Mitgliedschaft als rechtliche Voraussetzung für die Nutzung des Mikro-ÖV braucht es rechtssichere und praktikable Alternativen, beispielsweise die Definition der rechtlichen Rahmenbedingung bei Vereinslösung hinsichtlich Konzession.

 

Mag. Markus Gansterer, VCÖ-Verkehrspolitik:

„Mikro-ÖV-Systeme können den Linienverkehr ergänzen und helfen, die Abhängigkeit vom Auto zu verringern. Das erhöht die Attraktivität als Wohnort, entlastet die Familien und stärkt die Nahversorgung, weil mehr Kaufkraft im Ort bleibt. Bundesweit braucht es einen Masterplan ,Regionale Mobilität‘.“

 

Quellen: 
VCÖ:
 „Qualität im Öffentlichen Verkehr“, Schriftenreihe „Mobilität mit Zukunft“, Wien 2014; 
Amt der NÖ Landesregierung:
Kleinräumige Mobilitätsangebote. Empfehlungen für die praktische Umsetzung, St. Pölten 2012; 
Amt der Burgenländischen Landesregierungb-mobil.info:
Mikro-ÖV Burgenland, Eisenstadt 2013; 
Klima- und Energiefonds: Ohne eigenes Auto mobil – Ein Handbuch für Planung, Errichtung
und Betrieb von Mikro-ÖV-Systemen im ländlichen Raum, Wien 2011

 

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