VCÖ-Factsheet 2013-04 - Lebensqualität für Städte und Gemeinden durch Tempo 30

Verkehrslärm macht krank. Mit Tempolimit 30 statt 50 wird der Verkehrslärm spürbar verringert, die Lebensqualität nimmt zu. Besonders für Kinder und die wachsende Zahl älterer Menschen verbessert sich das Verkehrsklima.

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In Österreich fühlen sich 2,7 Millionen Menschen durch Lärm in ihrem Wohnumfeld beeinträchtigt. Der größte Lärmerreger ist der Straßenverkehr, der rund 1,5 Millionen Menschen in Österreich belastet. Lärm macht psychisch und körperlich krank. Allein in Westeuropa gehen pro Jahr mehr als eine Million gesunde Lebensjahre durch Verkehrslärm verloren.
Niedrigere Tempolimits verringern den Verkehrslärm und Tempo 30 erhöht somit in den Gemeinden und Städten die Lebensqualität.

Weniger Lärm und weniger Schadstoffe

Tempo 30 verbessert den Verkehrsfluss bei fast gleichbleibender Fahrzeit und deutlich höherer Verkehrssicherheit. Der Treibstoffverbrauch ist bei Tempo 30 um durchschnittlich zwölf Prozent niedriger und weniger giftige Schadstoffe gelangen in die Luft. 30 km/h sollte als Standard der Höchstgeschwindigkeit im Ortsgebiet in der Straßenverkehrsordnung verankert werden – mit der Möglichkeit begründeter Ausnahmen nach oben und unten.

Höheres Tempo macht mehr Lärm

Tempolimits haben wesentlichen Einfluss auf die Entstehung von Verkehrslärm, denn Autos, die langsamer fahren, sind leiser. Bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h sind die Rollgeräusche lauter als der Motorenlärm. Wird die Höchstgeschwindigkeit auf einer Straße von 50 auf 30 km/h reduziert, verringert sich der Lärm um durchschnittlich drei Dezibel. Von Menschen wird dies wie eine Halbierung der Verkehrsmenge wahrgenommen. Eine weitere Lärmreduktion ergibt sich, weil Tempo 30 einen gleichmäßigeren Verkehrsfluss fördert. Bei Tempo 30 reduzieren sich Brems- und Beschleunigungsvorgänge um 14 Prozent. Der Lärmpegel des Vorbeifahrens sinkt so insgesamt um bis zu acht Dezibel, das ist eine wahrgenommene Lärmreduktion von 75 Prozent.

Verkehr halbiert: Tempo 30 statt 50 wirkt auf die wahrgenommen Lärmbelastung so, als wäre der Verkehr um die Hälfte zurückgegangen.

Von WHO empfohlener Lärm-Grenzwert in Österreich oft überschritten

In Österreich leben fast drei Millionen Menschen in Gebieten, in denen die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Grenzwerte von 55 Dezibel am Tag und 45 Dezibel bei Nacht überschritten werden. Rund zehn Prozent der Menschen in Österreich müssen gesundheitsgefährdende 65 Dezibel und mehr ertragen.

Schon geringe, aber dauerhafte Schallemissionen können zahlreiche Erkrankungen auslösen, wie erhöhten Blutdruck, Arteriosklerose und Depressionen. Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten treten häufiger auf, das Immunsystem wird geschwächt. Bei Kindern ist der Zusammenhang zwischen Verkehrslärm und schlechterem Leseverständnis beziehungsweise Konzentrationsschwäche vielfach belegt. Jede dritte Person in der EU fühlt sich tagsüber durch Lärm gestresst, jede fünfte klagt deshalb über Schlafstörungen. Verkehrslärm ist europaweit jedes Jahr für 50.000 tödliche Herzinfarkte und 200.000 Fälle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich.

Das Herzinfarktrisiko entlang stark befahrener Straßen mit Mittelungspegeln ab 65 Dezibel liegt um 20 Prozent höher als an Straßen mit Lärmbelastungen unter 55 Dezibel. Allein die vom Verkehrslärm verursachten Kosten betragen in Österreich rund zwei Milliarden Euro pro Jahr. Diese Kosten ergeben sich vor allem durch Gesundheitsausgaben und der Entwertung von Immobilien.

Verkehrslärm macht krank

• Schlafstörungen mit kurz- und langfristigen Konsequenzen

• Hormonelle Reaktionen (mehr Stresshormone) und mögliche Konsequenzen für den menschlichen Stoffwechsel und das Immunsystem

• Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes

• Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit in der Schule und am Arbeitsplatz

• Beeinträchtigung im sozialen Verhalten (Aggressivität, Hilflosigkeit etc.)

• Beeinträchtigung der Sprache und Kommunikation

Gleichmäßiger Verkehr spart Reisezeit

Für die innerörtliche Reisezeit ist nicht die zulässige Höchstgeschwindigkeit ausschlaggebend, sondern Durchschnittsgeschwindigkeit und Flüssigkeit des Verkehrs. Für Wien liegt die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit mit dem Auto bei 25 km/h, also noch unter Tempo 30.

Generelles Tempo 30 mit einzelnen Ausnahmen fördert einen gleichmäßigeren Verkehrsfluss und ist weitaus wirksamer als kleinräumige Tempo 30-Zone, da ständiger Tempo-Wechsel einen gleichmäßigen Verkehrsfluss verhindert. Eine britische Studie zeigt, dass nach Einführung von 20 Miles per Hour (entspricht 32 km/h) die bestehenden Busfahrpläne gut eingehalten werden konnten.

Die meisten Autofahrten sind innerorts kürzer als fünf Kilometer. Da die tatsächlich gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit bei Tempo 30 nur gering sinkt, beträgt die Fahrzeit je Strecke nur wenige Sekunden mehr als bei Tempo 50. Nur auf langen Strecken durch die Stadt wäre eine längere Fahrzeit spürbar. Diese längeren Strecken führen in der Regel über Hauptverkehrsstraßen, auf denen Tempo 50 als begründete Ausnahme gelten kann.

Verkehrsberuhigung: Bei Tempo 30 verursacht der Verkehr viel weniger Lärm als bei Tempo 50.

Vorbild Tempo 30 in Graz

Seit dem Jahr 1992 gilt auf den Grazer Straßen – mit Ausnahme von Vorrangstraßen – Tempo 30 als Höchstgeschwindigkeit. Graz war die erste große Stadt Europas, die Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit eingeführt hat. Heute unterstützen 80 Prozent der Bevölkerung und zwei Drittel der Autofahrenden die Tempo 30-Regelung in Graz.

Die Zahl der Verkehrsunfälle ist in Graz in den vergangenen 20 Jahren trotz großem Bevölkerungswachstums um 20 Prozent zurückgegangen, während österreichweit die Zahl der Unfälle im Ortsgebiet nur um 1,5 Prozent zurückging.

Menschen gehen in Orten mit Tempo 30 mehr

Straßen, auf denen ein Tempo-Limit von 50 km/h gilt, sind unattraktiv, um den Weg zu Fuß zurückzulegen. In vielen dieser Straßen hat es ein Geschäftssterben gegeben. Dort wo Tempo 30 umgesetzt wurde, wird mehr gegangen und mehr Rad gefahren. Zudem können Fahrbahnen bei Tempo 30 statt 50 im Idealfall um fast einen Meter schmäler gebaut werden, womit mehr Platz zum Gehen und Verweilen frei wird. In einem für das Gehen attraktiven Straßenumfeld werden auch längere Distanzen gerne gegangen. In größeren Städten haben in Straßen mit Tempo 30 um die Hälfte mehr Menschen soziale Kontakte mit anderen Bewohnerinnen und Bewohnern als dort, wo Tempo 50 gilt. Gerade für die stark wachsende Anzahl älterer Menschen macht Tempolimit 30 das Verkehrsklima angenehmer und sicherer. Die Straßen werden belebter, wovon auch die Geschäfte profitieren. Insgesamt steigt durch Tempo 30 die Lebensqualität im Ort und dessen Attraktivität.

 

Was Tempo 30 im Ortsgebiet bringt

Tempo 30 verbessert die Gesundheit
• Verringerung des wahrgenommenen Verkehrslärms um bis zu 75 Prozent.
• Weniger Verkehrslärm heißt besserer Schlaf, weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen und höhere Konzentrationsfähigkeit.
• Weniger Luftschadstoffe, vor allem weniger giftige Stickoxide.
• Bewegung wird gefördert, weil Gehen und Radfahren attraktiver werden.

Tempo 30 bringt Lebensqualität und spart Kosten
• Ruhigere Wohngebiete und attraktive Ortszentren.
• Mehr Platz und attraktivere Straßen zum Gehen und Radfahren.
• Stressfreies Fortkommen dank flüssigerem Verkehr.
• Ersparnis durch geringeren Platzbedarf im Neubau.

Tempo 30 erhöht die Verkehrssicherheit
• Weniger Verkehrsunfälle.
• Geringere Unfallfolgen, weniger tödlich und schwer Verletzte.
• Vor allem Kinder und ältere Personen profitieren von niedrigerem Tempo.

 

Mag. Markus Gansterer, VCÖ: „Es spricht viel dafür, Tempo 30 im Ortgebiet von der Ausnahme zur Regel zu machen: Weniger Lärm und weniger Verletzte bei flüssigerem Verkehr und besseren Bedingungen für Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind. Setzen wir uns dafür ein!.“

 

Quelle: Umweltbundesamt 2010

 

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