Interview mit Ingrid Brodnig

Wer entscheidet was wir über die Welt erfahren?

Ingrid Brodnig ist Journalistin und Autorin von drei Büchern zu den Schattenseiten des Internets – im Sommer 2017 erschien „Lügen im Netz“. Seit April 2017 ist sie Österreichs Botschafterin/Digital Champion bei der EU-Kommission. www.brodnig.org

Das VCÖ-magazin sprach mit der Journalistin Ingrid Brodnig über Algorithmen, die über Kreditwürdigkeit entscheiden, über Digitalisierung der Mobilität und was es heißt, Digital Champion der EU zu sein.

VCÖ-Magazin: Sie sind digitale Botschafterin Österreichs bei der  EU-Kommission – das klingt sehr staatstragend!

Ingrid Brodnig: Die offizielle Bezeichnung heißt Digital Champion. Jedes EU-Land kann jemand ernennen. Das Gremium setzt sich ein- bis zweimal im Jahr mit der EU-Kommission zusammen und tauscht sich über digitale Themen aus. Es soll Stimme der Zivilgesellschaft sein und beraten, wie die Gesellschaft digitaler gemacht werden kann. Großes Thema ist derzeit die Arbeitsplatzzukunft – gerade auch im Bereich Mobilität wird die Automatisierung da durch selbstfahrende oder teilautonome Autos sehr viel verändern.

„Die EU-Datenschutzgrundverordnung ist löchrig wie ein Schweizer Käse.“

VCÖ-Magazin: Dort sind vor allem „Best Practice-Leute“ vertreten – Sie beschäftigen sich hingegen vor allem kritisch mit negativen Auswirkungen der Digitalisierung. Wie verstehen Sie Ihre Rolle in diesem Gremium?

Ingrid Brodnig: Ich werde mich dort als gesellschaftspolitische Stimme einbringen. Im Herbst 2017 möchte die EU-Kommission etwa verstärkt über das Thema Algorithmen sprechen. Die Frage, braucht es mehr Transparenz bei wichtigen Algorithmen für Suchmaschinen, bei sozialen Netzwerken, wird da zentrales Thema sein. Ich persönlich finde, dass wir Bürgerinnen und Bürger, in einer Zeit, in der immer mehr Entscheidungen über unser Leben von Software getroffen werden, wir auch mehr Erklärungsrechte brauchen. Wenn ein Algorithmus mitentscheidet, dass ich keinen Kredit bekomme, dann sollte ich als Konsumentin Erklärungen bekommen, wie der Algorithmus funktioniert, welche Daten genutzt worden sind. Die Datenschutzgrundverordnung, die im Frühjahr 2018 in der EU aktives Recht wird, ist gerade in diesem Bereich löchrig wie ein Schweizer Käse.

„Es gibt einige Algorithmen, die können großen Schaden anrichten.“

VCÖ-Magazin: Warum geraten die Algorithmen, die die Ergebnisse digitaler Anwendungen liefern,  zunehmend in Diskussion?

Ingrid Brodnig: Technikunternehmen suggerieren gerne, dass sie neutral sind. Aber es gibt keinen neutralen Programmiercode, da spielen immer Unternehmensziele eine Rolle, oder wie die programmierende Person versucht das Problem zu lösen. Es gibt einige Algorithmen, die eine große Bedeutung für die Gesellschaft haben und großen Schaden anrichten können. Bei der Google­Suche etwa, wo entschieden wird, was Menschen über die Welt erfahren. Oder Algorithmen, die entscheiden, ob jemand einen Kredit bekommt. Hier ist es wichtig, dass es eine Aufsicht gibt, oder den Konsumentinnen und Konsumenten erklärt wird, was da im Hintergrund passiert.

„Algorithmen können Gesellschaftsgruppen diskriminieren, weil bestimmte Aspekte unberücksichtigt bleiben.“

VCÖ-Magazin: Es gibt in der verkehrspolitischen Diskussion die Thes, dass unser Verkehrssystem so aussieht, wie es aussieht, weil es eben von autofahrenden Männern zwischen 30 und 50 geplant wird. Ist das mit der Art, wie Algorithmen entwickelt werden, vergleichbar?

Ingrid Brodnig: Ja, total. Die Sorge ist etwa, dass Algorithmen Gruppen diskriminieren, weil beim Programmieren niemand an bestimmte Aspekte gedacht hat. So hat die Wissenschaft etwa vor ein paar Jahren herausgefunden,  dass auch Google-Werbung diskriminierend sein kann. Da wurde untersucht, welche Werbung eingeblendet wird, wenn Frauen oder Männer auf Google aktiv sind und Dinge suchen. Und es hat sich gezeigt, dass männlichen Usern Werbung für ein Coaching zu Spitzenjobs angezeigt wurde, Frauen aber nicht. Diese Studie hat immense Wellen geschlagen, weil sie sichtbar machen konnte, was es bedeuten kann, wenn Frauen und Männer unterschiedliche Werbung zu sehen bekommen. Der Verkehr ist auch einer der Bereiche wo zunehmend Algorithmen eingesetzt werden, etwa bei Ampeln, bei denen die Verkehrsdaten in Echtzeit genutzt werden, um Ampelphasen zu gestalten. Es gibt Bereiche wo kluge Algorithmen, die mit vielen Daten arbeiten können, etwa Bewegungsdaten oder Daten aus Sensoren aus der Umwelt, Prozesse intelligenter machen.

VCÖ-Magazin: Diese Art von Datennutzung wird oft aus Datenschutzgründen kritisch diskutiert –warum werden nicht gleich nur anonymisierte Daten genutzt?

Ingrid Brodnig: Das große Problem ist, dass es ab gewissen Datenmengen keine Anonymisierung mehr gibt. Yahoo hat einmal Millionen von Suchanfragen anonymisiert für die Wissenschaft offengelegt, damit Studien über das Suchverhalten der Menschen durchgeführt werden können. Die New York Times hat es geschafft, trotzdem einzelne Personen zu identifizieren.

„Das Missbrauchspotenzial des Internets wurde in der Euphorie der Anfangszeit zu lange ignoriert.“

VCÖ-Magazin: Hat die Digitalisierung per se ein besonders großes Potenzial missbraucht zur werden?

Ingrid Brodnig: Das Problem ist, dass das Missbrauchspotenzial zu lange ignoriert worden ist. Vor allem in der Euphorie der Anfangszeit des Internets. Doch Bürgerrechtsorganisationen und den Organisationen betroffener Gruppierungen ist schon sehr früh aufgefallen, dass US-Newsgroups genutzt wurden, um beispielsweise Bösartigkeiten über Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner und Hassreden über Schwule zu verbreiten, aber es war damals nicht ein so großes Thema. Jetzt, wo der Großteil der Bevölkerung online ist und Tools wie Facebook weit verbreitet sind, fällt es sehr vielen Menschen auf, dass es Probleme gibt, eine Diskussion total entgleiten kann und schlimmste Wortmeldungen fallen.

 „Das Internet ist längst nicht fertig – wir stehen erst am Anfang der Digitalisierung.“

VCÖ-Magazin: Sie fordern, dass Menschen Digitalisierung für sich und für die Demokratie auf positive Weise nutzen können müssen. Ist das derzeit nicht möglich?

Ingrid Brodnig: Die Digitalisierung ist vergleichbar mit der Entdeckung und Verbreitung der Elektrizität. Sie wird immer mehr Teile unseres Lebens verändert. Es würde ja auch niemand fragen, ob elektrischer Strom gut oder schlecht, sondern wenn der Strom für die Glühbirne benutzt wird, ist er relativ gut, wenn er für den elektrischen Stuhl genutzt wird, lehnen wir das in Europa ab.  Diese differenzierte Debatte fehlt oft beim Internet. Und was nützt es, wenn im Internet über alles wirklich gute Informationen zu finden sind, in der Praxis aber schlimmste Falschmeldungen und hetzerische Verleumdungen extrem erfolgreich sind und die öffentliche Debatte vergiften? Dass Jugendliche sehr digital unterwegs sind, ist toll. Aber ich fände es besser, wenn viel mehr diese Tools nicht nur passiv, als Konsumenten, nutzen könnten, sondern auch kreativ produzieren, dass mehr Jugendliche programmieren können, selbst ihre neuen Apps erstellen, Startups gründen. Der große Trugschluss beim Internet ist, zu meinen, es sei schon fertig. In Wirklichkeit stehen wir am Anfang eines Prozesses der Digitalisierung. Auch die ersten Autos waren ganz anders, haben eher ausgeschaut wie Kutschen ohne Pferde. Erst mit der Zeit wurden zusätzliche Bequemlichkeiten und Sicherheitstools, wie Scheibenwischer, Gurte, Airbags etc. eingeführt. Das Gleiche wird mit dem Internet passieren.

„Digitalisierung ist vor allem „more of the same“, in einer effizienteren Art und Weise.“

VCÖ-Magazin: Wie kann Digitalisierung zu positiven Veränderungen beitragen, etwa zu einer nachhaltigen Entwicklung oder mehr klimaverträglicher Mobilität?

Ingrid Brodnig: Digitalisierung könnte bestimmte Mobilitätsformen unnötig machen. Etwa durch vermehrte Home­Office­Möglichkeiten. Oder indem Widmungsflächen besser geplant werden, damit weniger Verkehr entsteht. Technik kann umweltschonende Planung als Ziel haben. Der Netzkritiker Evgeny Morozov meint allerdings, dass die Digitalisierung vor allem „more of the same“ sei, in einer effizienteren Art und Weise, dass sehr viele digitale Tools einfach nur mehr Kapitalismus bringen. Im Verkehrsbereich könnte das heißen, dass noch mehr Auto gefahren wird, dass Autos bequemer und digitaler werden, aber das System Auto nicht infrage gestellt wird. Viele digitale Tools werden als revolutionär vermarktet, aber häufig sind sie aus einer gesellschaftlichen Sicht gar nicht revolutionär. Beispiel Uber, im Vergleich zu Taxis - es ist nicht so spektakulär, dass es eine Plattform gibt, die Autofahrende und Mitfahrwillige zusammenbringt – es ist bloß eine effizientere Zuweisung von Gütern und Dienstleistungssuchenden. Problematisch wird es, wenn gerade diese Dienste nicht fair Steuern zahlen, oder wenn dort Lenkende unterwegs sind, die gar nicht gut Auto fahren können.

Ingrid Brodnig ist Journalistin und Autorin von drei Büchern zu den Schattenseiten des Internets - im Sommer 2017 erschien „Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren”. Seit 2017 digitale Botschafterin / Digital Champion Österreichs bei der EU-Kommission. www.brodnig.org