Ein Rad für alle Fälle

Immer mehr Menschen in Österreich fahren mit dem Rad. Schon drei von vier Haushalten besitzen eines. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, von der alle profitieren: die Umwelt, die Radelnden selbst und der Verkehr insgesamt.

>> Von Roman Kellner

Tobias Radinger, Besitzer einer Kaffeerösterei in Wien Favoriten, schwört auf sein Lastenrad. Damit werden „der Kaffee und Dinge, die halt so anfallen“ in sein Geschäft im vierten Bezirk transportiert. Außerdem lässt er damit Büros, Kaffeehäuser und andere Kundschaft beliefern. Seit dem 5. Oktober 2012 ist die Überlegenheit des Lastenrades im Großstadtverkehr auch empirisch belegt. Da nämlich trat ein Fahrer mit dem Elektro-Motor-unterstützten Rad gegen einen Pkw an. Wer würde es schaffen, zehn Kundinnen und Kunden in den Wiener Bezirken eins bis neun schneller mit Kaffee zu beliefern? Nach eindreiviertel Stunden hielt das Fahrrad wieder vor der Fabrik. Der Pkw traf sieben Minuten später ein, und das bei ruhiger Verkehrslage. Radinger, selbst überzeugter Biker, schätzt die Berechenbarkeit beim Radfahren: „Wir brauchen von der Kaffeefabrik in unser Geschäft etwa 17 Minuten. Mit dem Auto bin ich bei idealen Bedingungen vielleicht etwas schneller, es kann aber auch sein, dass ich die dreifache Zeit benötige. Für mich ist das Fahrrad ein vollwertiges Verkehrs- und auch Transportmittel in der Stadt.“

So denken hierzulande immer mehr Menschen. Und nicht nur in den Städten. Zwischen den Jahren 2006 und 2011 ist der Anteil des Radverkehrs in Österreich von fünf auf sieben Prozent gestiegen. Das Fahrrad wird zunehmend (wieder) als praktischer Alltagsgegenstand betrachtet. Eine Einstellung, die angesichts von mehr als sechs Millionen Rädern in den Haushalten Österreichs einiges Potenzial hat. Hans-Erich Dechant, verantwortlich für das erfolgreiche Bike-Sharing-Projekt „Citybike Wien“, kann sich noch gut an andere Zeiten erinnern: „Wer früher am Ringradweg gefahren ist, musste bei jeder Straßenquerung zuerst einmal bremsen. Das ist heute nicht mehr so.“ Die Entwicklung beim Radfahren in Wien gehe in eine gute Richtung. „Ich bin auch mit meinen Kindern mit dem Rad unterwegs.“

Dabei gehört die Bundeshauptstadt mit einem Radverkehrsanteil von sechs Prozent noch immer zu den Schlusslichtern. In Salzburg zum Beispiel, einer der fahrradfreundlichsten Städte Österreichs, werden 18 Prozent der Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt. „Das liegt zum einen an der Kleinräumigkeit und der guten Lage, zum anderen aber auch am konsequenten Netzausbau“, diagnostiziert Barbara Sieberth, grüne Gemeinderätin. „In unserer Stadt“, so die passionierte Radfahrerin, „sieht man wirklich alle auf dem Rad: Super-sportliche, die die Achse Salzach nutzen, ältere Menschen mit Einkaufstasche auf dem Gepäckträger, Eltern, die ihre Kinder in Anhängern oder Sitzen transportieren, und Leute, die ins Büro fahren.“

Barbara Sieberth selbst nutzt das Rad fast täglich – beim Einkaufen, beim Transport der zehn Monate alten Tochter im Anhänger und beim Weg zur Arbeit: „Es ist das schnellste und unkomplizierteste Verkehrsmittel, und es tut mir gut, mich vor und nach der Arbeit zu bewegen.“ Damit hat sie jene Gründe angeführt, die generell am häufigsten genannt werden. Denn Radfahren hilft nicht nur, Feinstaub und CO2 zu reduzieren und macht keinen Lärm, es ist auch noch praktisch und sehr gesund. Eine dänische Studie errechnete, dass Menschen, die regelmäßig in die Pedale treten, im Schnitt zwei Jahre länger leben. Wer viel Rad fährt, leidet weniger unter Stress, bringt weniger Gewicht auf die Waage und wird mit einem niedrigeren Blutdruck belohnt.

Alltagsmobilität: Menschen fahren gerne mit dem Fahrrad. Gute Lösungen dafür gibt es für alle Lebenslagen, Altersund Berufsgruppen.

Gute Gründe, in die Pedale zu treten

Wenn die Umstände passen, sitzen auch betagtere Menschen gerne im Sattel. Die Vorarlbergerin Elisabeth Gassner wohnt am Rand von Feldkirch. Mit 73 Jahren steigt sie noch mehrmals in der Woche auf ihr Fahrrad. „Schnell bin ich nicht mehr, aber ankommen tu ich immer. Und wenn ich zum Markt fahre, muss ich die Sachen nicht heimschleppen“, sieht sie die Vorteile. Eine Studie im Auftrag des Lebensministeriums zum Thema Fahrrad und Einkaufen gibt ihr Recht. Sie kam im Jahr 2010 zu dem Ergebnis, dass die Hälfte aller Einkäufe unter einem Gewicht von fünf Kilo bleiben und etwa 70 Prozent gut mit dem Rad zu transportieren sind.

Überhaupt bleibt in Österreich jede zweite Autofahrt unter fünf Kilometern – eine Strecke, die sich bequem mit dem Rad zurücklegen lässt. Wer seinen Radius noch ein wenig vergrößern möchte, nutzt das Elektro-Fahrrad. 30.000 von ihnen wurden im Jahr 2011 verkauft. Tendenz stark steigend. Kein Wunder, Fahrräder – mit oder ohne Elektro-Motor – sind ideal, um die nächste Haltestelle eines öffentlichen Verkehrsmittels zu erreichen.

Ins Büro: Die Initiative „Österreich radelt zur Arbeit“ ruft in allen neun Bundesländern zu einem gemeinsamen Aktionsmonat im Mai 2013 auf.

Es wird weiter geradelt

Die Richtung für das Radfahren in Österreich stimmt also. Ein Blick in die Niederlande, nach Dänemark oder über die deutsche Grenze freilich zeigt, dass da noch mehr möglich ist. Der Allgemeine Deutsche Radfahrerclub (ADFC) und das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) erstellen alle fünf Jahre mit Hilfe der Angaben von Zehntausenden Radfahrenden ein Ranking der fahrradfreundlichsten deutschen Städte. Anfang dieses Jahres wurde wieder einmal Münsters Abo auf den ersten Platz bestätigt. Was aber auffällt: Gerade jene Städte, die viel für ihre Radfahrenden tun, wie Karlsruhe, Frankfurt oder München, haben deutlich aufgeholt.

Jede Maßnahme, die Radfahren sicherer, einfacher und schneller macht, bringt mehr Menschen dazu, das Fahrrad zu benutzen. Auch Initiativen wie diese: Unter dem Motto „Österreich radelt zur Arbeit 2013“ wollen österreichische Radlobbys mit Unterstützung des Lebensministeriums, der Bundesländer und teilnehmender Partnerbetriebe möglichst viele Menschen motivieren, ihre Arbeitswege mit dem Fahrrad zurückzulegen. Im Jahr 2012 waren 8.300 Radelnde aus 2.000 Betrieben dabei, heuer sollen es schon 15.000 werden. Martin Blum, Radverkehrsbeauftragter der Stadt Wien, begrüßt solche Anreize, „von denen letztlich alle profitieren, nicht zuletzt die Städte als Lebensräume.“ Die Zunahme des Radverkehr in Wien im Jahr 2012 um mehr als zehn Prozent bestärken ihn in der Ansicht: „Wir sehen, dass die Menschen bereit sind, aufs Rad zu steigen, und das ist auch ein Auftrag an die Politik, den Verkehr radfreundlich zu gestalten.“

 

>> Linkliste:

>> Zum Autor:
Roman Kellner 
www.wortundweise.at

 


>> Die Bereitschaft der Menschen, das Fahrrad zu benutzen, ist ein Auftrag an die Politik, den Verkehr radfreundlich zu gestalten. <<

- Martin Blum, Fahrradbeauftragter der Stadt Wien

 


>> Es tut mir gut, mich vor und nach der Arbeit beim Radfahren zu bewegen. <<

- Barbara Sieberth, Gemeinderäting Salzburg

 

Zahlen und Fakten

Radfahren in Österreich

Im Jahr 2011 wurden hierzulande 2,2 Milliarden Kilometer zurückgelegt – doppelt so viele wie noch im Jahr 2000. Wäre das Auto benützt worden, hätte das rund 230 Millionen Euro an Spritkosten verursacht. Bereits drei von vier Haushalten in Österreich haben zumindest ein Fahrrad: Vorarlberg (85 Prozent), Oberösterreich, Nieder-österreich (je 82 Prozent) und Salzburg (81 Pro-zent). In Wien sind es 61 Prozent. Hier werden sechs Prozent aller Fahrten mit dem Fahrrad zurückgelegt. In Innsbruck sind es 23 Prozent, in Bregenz 20 Prozent, in Graz und Salzburg je 18 Prozent. Dafür gehört Wien zu den Städten mit dem stärksten Wachstum, im Jahr 2002 betrug der Radverkehrsanteil erst zwei Prozent. Bis zum Jahr 2015 sollen es zehn Prozent sein.

Radfahren in Europa

Vorne liegen beim Fahrradanteil am Modal Split traditionell die Niederlande (27 Prozent) und Dänemark (19 Prozent), gefolgt von Deutschland (10 Prozent). Österreich erreicht zurzeit sieben Prozent. Die Radfahrenden der Niederlande fahren pro Kopf und Jahr mehr als 1.000 Kilometer, rund vier Mal so viel wie in Österreich. Im September 2011 erstellten Rad-Lobbyisten von wwww.copenhagenize.com ein Ranking der 20 fahrradfreudigsten Großstädte der Welt: Amsterdam führt die Liste an, gefolgt von Kopenhagen. Dann kommen – für viele überraschend – Barcelona und Tokio, schließlich Berlin und München. Wien rangiert an 19. Stelle.

 

>> Quellen: 
VCÖ, Statistik Austria, bmvit, Niederländischer Fietsersbon, Niederländische Statistikbehörde

Zurück zur Übersicht