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VCÖ: E-Ticketing für den Öffentlichen Verkehr einführen

Factsheet: 2010-07

Das Zeitalter der Papierfahrkarten geht langsam aber sicher zu Ende.

Elektronisches Ticketing macht die Benützung des Öffentlichen Verkehrs einfacher, komfortabler und attraktiver.

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Nur 41 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Österreich halten die Tarife des Öffentlichen Verkehrs für klar verständlich. Ebenfalls nur vier von zehn Österreicherinnen und Österreicher meinen, dass Fahrscheine leicht erhältlich sind. Besonders Personen, die selten öffentliche Verkehrsmittel benutzen, erachten das derzeitige System als kompliziert. Das ist für viele eine Barriere, die verhindert, vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.
Das Potenzial, die Anzahl der Fahrgäste zu erhöhen ist in Österreich groß. Derzeit fahren 42 Prozent der Bevölkerung nie mit öffentlichen Verkehrs¬mitteln.

Mehr Fahrgäste durch modernes Ticketing
Die Beseitigung von Hürden, die Menschen von der Benützung öffentlicher Verkehrsmittel abhalten, ist neben der Ausweitung des Angebots ein wichtiger Schritt, um die Zahl der Fahrgäste zu erhöhen. Die Erfahrungen haben gezeigt: Dort, wo elektronisches Ticketing eingeführt wurde, ist die Zahl der Fahrgäste gestiegen. In Wels, Steyr und Klagenfurt gibt es regional gültiges E-Ticketing. Ein erstes landesweites Ticketing-System wurde im Jänner 2010 in den Niederlanden eingeführt. Auch für Österreich sollte ein bundesweit einheitliches System auf Schiene gebracht werden.

E-Ticketing vereinfacht Benützung des Öffentlichen Verkehrs
Für viele Probleme im Verkehrsbereich ist mehr Öffentlicher Verkehr die Lösung. Bei steigenden Erdölpreisen ersparen sich die privaten Haushalte viel Geld, wenn ein dichtes öffentliches Verkehrsnetz zur Verfügung steht. Zudem haben Investitionen in die Schiene eine deutlich höhere Beschäftigungswirkung als der Bau von Straßen. Auch kann Österreich die Ziele der Energiestrategie und die Klimaschutzziele nur erreichen, wenn mehr Menschen vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Und der demografische Wandel wird die Nachfrage nach Bahn und Bus in den kommenden Jahren deutlich erhöhen.

Einstiegsbarrieren beseitigen
In Österreich werden fast drei Mal so viele Kilometer mit dem Auto gefahren wie im Öffentlichen Verkehr. Nicht wenige nehmen das Auto auch, obwohl es ein gutes Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln gibt.
Jene, die den Öffentlichen Verkehr nicht nutzen, schätzen die Kosten höher ein als sie tatsächlich sind. Das Fahrkartensystem wird als kompliziert erachtet. Diese Einstiegsbarrieren können durch ein elektronisches Ticketing beseitigt werden.

Landesweites E-Ticketing in den Niederlanden
In den Niederlanden wurde im Jänner 2010 ein kontaktloses Chipkartensystem eingeführt, das landesweit für die Bahn, für viele Buslinien und für den Öffentlichen Verkehr in Amsterdam und Rotterdam gilt. Die personalisierte „OV-Chipkaart“ ermöglicht das bargeldlose Zahlen und speichert auch entsprechende Rabatte. Angeboten wird zudem eine anonyme Karte.

Erfolgreiches E-Ticketing in London
Chipkarten funktionieren mit der RFID-Technologie (Radio Frequency Identification). Das erste berührungslose Chipkartensystem der Welt wurde im Jahr 1997 in Hongkong mit der Octopus Card eingeführt. Aus der Karte für den Öffentlichen Verkehr wurde ein komplettes Bezahlsystem, das für Supermärkte, Parkgebühren etc. verwendet werden kann. In London ist seit dem Jahr 2003 die „Oyster Card“ erfolgreich im Einsatz. Auf diese werden Einzelfahrscheine oder Zeitkarten aufgebucht. Das Aufladen ist via Internet, automatische Überweisung oder bei Verkaufsstellen möglich.
Im Jahr 2009 wurden drei Viertel aller U-Bahn-Fahrten und 86 Prozent aller Busfahrten mit der Oyster Card zurückgelegt. Fahrgäste, die zur Oyster Card gewechselt sind, legen im Schnitt um fünf Prozent mehr Fahrten im Öffentlichen Verkehr zurück.

Regionales E-Ticketing in Österreich
In Wels und Steyr gibt es bereits ein berührungsloses Chipkartensystem mit Bestpreis¬garantie. Das heißt, es wird automatisch der günstigste Tarif verrechnet. So wird höchstens der Preis für eine Jahreskarte verrechnet, egal, wie viele Fahrten im Jahr tatsächlich unternommen wurden. In Klagenfurt wurde im Jahr 2005 eine Kundenkarte mit Bestpreisgarantie eingeführt. Sie wird mit Guthaben aufgeladen und dieses wird beim Einsteigen in den Bus und Vorbeiführen am Lesegerät abgebucht. In allen drei Städten ist nach Einführung der Karte die Zahl der Fahrgäste deutlich gestiegen.

Ticketing via Mobiltelefon
Chipkarten können durch E-Ticketing via Mobiltelefon ergänzt werden. Technisch kommt dabei NFC (Near Field Communication) zum Einsatz. NFC ist ein Übertragungsstandard zum berührungslosen Austausch von Daten über sehr kurze Distanzen. Dadurch können an festgelegten Orten Fahrkarten berührungslos gekauft werden.

NFC-Ticketing wird in Österreich getestet
Im Jahr 2009 führten die ÖBB auf den Strecken Wien–Gmünd und Wien–Krems einen ersten Versuch mit NFC-tauglichen Mobiltelefonen durch. Bei diesem System wird die Fahrkarte nach Kauf (per SMS oder WAP) in einem sicheren Bereich des Mobiltelefons gespeichert und kann dann vom Zugpersonal mit dessen Telefon kontrolliert werden. Dabei muss das Telefon des Fahrgastes nicht eingeschaltet sein und es kann währenddessen auch telefoniert werden. Bei flächendeckendem Einsatz in Österreich soll die Kontrolle über Multifunktionsterminals des Zugpersonals erfolgen. In Wien stehen an den Fahrscheinautomaten der Wiener Linien und an Schnellbahn-Stationen NFC-Touchpoints, an denen durch das Vorbeiführen eines NFC-tauglichen Mobiltelefons ein Einzelfahrschein gekauft werden kann. Dieser wird per SMS zugestellt.

Auch Deutschland führt E-Ticketing ein
Die Deutsche Bahn betreibt seit Februar 2008 Pilotversuche mit NFC. Nach einmaliger Registrierung melden sich die Fahrgäste mit einem Mobiltelefon an einem Touchpoint an und nach Fahrtende an einem Touchpoint wieder ab. Fahrgäste erhalten monatlich eine Mobilitätsrechnung mit Darstellung der Fahrten.

Was für die Einführung von E-Ticketing nötig ist
Wichtig ist, dass Fahrgäste bei elektronischem ¬Ticketing nicht mehr zahlen als sonst beziehungsweise, dass dieses Ersparnisse bringt. Zentral ist die Berücksichtigung des Datenschutzes. Zudem ist zu klären, ob wie beispielsweise bei der Maestro-Karte in Österreich ein einzelnes Unternehmen die Herstellung der Chipkarte übernimmt und das System betreibt oder ob basierend auf einer Standard-Schnittstelle beliebige Unternehmen teilnehmen können. Eine Standard-Schnittstelle muss dafür sorgen, dass an jedem Automaten jede Karte aufladbar und auch mit neuen Fahrkarten erweiterbar ist. Nutzende des Öffentlichen Verkehrs sollen monatlich informiert werden, welche Leistungen und Tarife sie in Anspruch genommen haben. Bei einer österreichweiten Lösung soll eine zentrale Abrechnungsstelle sämtliche Verrechnungsaufgaben übernehmen.

Flächendeckende Verbreitung sicherstellen
Für eine flächendeckende Verbreitung von ¬E-Ticketing ist es notwendig, alle Verkehrsunter¬nehmen und Verkehrsverbünde dazu zu verpflichten, Chipkarten oder Mobiltelefon zu akzeptieren. Eine Lösung dafür ist, die Anerkennung eines solchen Systems in Verträgen zwischen Bund, Ländern und Verkehrsverbünden festzuschreiben, wie etwa bei der Schulfreifahrt.

E-Ticketing bringt Vorteile für alle:

Vorteile für Kundinnen und Kunden:

  • Kein Anstellen um Fahrkarten bei Automaten oder Schalter nötig
  • Bestpreisgarantie erspart Fahrgästen Überlegung, welches Ticket sie kaufen sollen

Vorteile für Verkehrsunternehmen

  • Abrechnen und der Fahrkartenverkauf an Fahrgäste wird vereinfacht
  • Neue Kundinnen und Kunden werden gewonnen
  • Daten über Fahrgastströme ermöglichen kundenorientierte Verbesserungen
  • Chipkarten sind schwieriger zu fälschen als Papierkarten

Vorteile für öffentliche Hand

  • Reduktion der Betriebskosten und Transparenz
  • Bessere Informationen über Anzahl der Fahrgäste je Verbindung

VCÖ: Modernes Ticketing für Österreich
Eine zentrale Frage bei der Einführung von E-Ticketing sind die Kosten. Kosten für eine Mobilitätskarte mit E-Ticketing-Funktion fallen durch die nötigen Investitionen, den Betrieb sowie die Doppelgleisigkeiten während der Übergangsphase an.
Werden die Kosten der Niederlande auf Österreich umgerechnet, dann würden die Einführung und der Betrieb über 14 Jahre rund 90 Millionen Euro pro Jahr kosten. Dem gegenüber stehen Einsparungen durch das Auslaufen des derzeitigen Fahrkartensystems von durchschnittlich 70 Millionen Euro pro Jahr. Die öffentliche Hand kann Förderungen an die Umsetzung von E-Ticketing knüpfen. Die EU-Konformität von Beihilfen wurde im Jahr 2008 bestätigt.
Für Österreich ist die rasche Erstellung einer Kosten-Nutzen-Analyse wichtig.

Voraussetzungen für E-Ticketing schaffen
Derzeit fehlen in Österreich die gesetzlichen Grundlagen, die Verkehrsunternehmen dazu anhalten, Maßnahmen wie die Mobilitätskarte umzusetzen. Schnittstellen zwischen Fahrgästen und Verkehrs¬unternehmen müssen standardisiert und interoperabel gestaltet werden.
Obwohl eine Mobilitätskarte imstande ist, mit komplizierten Tarifstrukturen umzugehen, ist eine Anpassung und Vereinheitlichung von Tarifen sinnvoll. Dafür braucht es Rahmenbedingungen und klare Zielsetzungen in den Unternehmen und Vor¬gaben seitens der Politik.
Ein österreichweites Ticket sollte in einem weiteren Schritt auch EU-weit nutzbar sein.
Mit der Einführung von E-Ticketing kann die Zahl der Fahrgäste im Öffentlichen Verkehr deutlich erhöht werden.

 

VCÖ-Empfehlungen:

Masterplan für Einführung von flächendeckendem und einheitlichem E-Ticketing in Österreich erstellen
E-Ticketing hat großen Nutzen, wenn es einfach ist und bei unterschiedlichen Verkehrsunternehmen gleich funktioniert. Das kann durch ein österreichweites Vorgehen erreicht werden. Wesentlich ist die rasche Erstellung einer Kosten-Nutzen-Analyse.

Kundenfreundliches E-Ticketing umsetzen

  • Selbsterklärendes und einfach zu benutzendes System schaffen
  • Datenschutz durch anonymisierte Chipkarten neben dem personalisierten System gewährleisten
  • E-Ticketing auch für Menschen ohne Mobiltelefon ermöglichen
  • Ermäßigungen wie Jahreskarten oder Halbpreiskarten sind bei der Preis¬berechnung automatisch zu berücksichtigen
  • Offene Zugänge zu Bahnsteigen beibehalten
     

Zitat
DI Martin Blum, VCÖ-Verkehrspolitik:

"Die Krankenscheine sind bereits durch die E-Card ersetzt worden. Nun soll auch das Zeitalter der Papierfahrscheine zu Ende gehen. Jetzt sind die Rahmenbedingungen für ein elektronisches Ticketing zu schaffen, das einheitlich in ganz Österreich gilt. Das macht das Fahren im Öffentlichen Verkehr attraktiver und stressfreier."

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